Seht die Welt durch meine Augen - Die Akte Poselkow
KI generierter Artikel. Für die Richtigkeit der Fakten keine Gewähr.
Die Akte Poselkow – meine Geschichte, die 2003, zufällig auf die vergessenen Unterlagen zu Poselkow stößt: das Polaroid aus der Polizeiakte, die Schleimschnecken-Artikel, die Humboldt-artigen Zeichnungen und schließlich den Mai-1976-Artikel über die verschwundenen Kühe, den ich wörtlich als Zitat eingebettet habe. Die Rahmenhandlung verbindet alles zu einem stimmigen Ganzen – mit offenen Fäden (der spurlos verschwundene Pfarrer Kieseling, der nie identifizierte "Heinrich M.", der kleine Datumsfehler im Artikel selbst), die bewusst unaufgelöst bleiben, wie es sich gehört.
Pfarrer Kieseling, mein Großvater, dessen Spuren sich nach 1982 in den Wirren des Abrisses unserer Stadt und der darauf folgenden politischen Wende im Nebel der Ungewissheit verliert.
Vorausgegangen war die Geschichte der Stadt Poselkow, die 1982 dem Braunkohlen-Tagebau Golpa-Nord zum Opfer fiel. Lest hier die Berichte!
Die Akte Poselkow
Was zwischen Kirchenmauern, Waldboden und Weidezaun liegen blieb
von Klaus Peter Kieseling
Am Ende des Sommers 2003 saß ich im Keller des Kreisarchivs Wittenberg zwischen sechs Umzugskartons, die seit der Wende niemand mehr angerührt hatte. Mein Auftrag war unspektakulär: den Bestand der eingegangenen Lokalzeitungen sichten, das Brauchbare digitalisieren, den Rest zur Makulatur geben. Der „Poselkower Landbote“ gehörte zu den Titeln, die ich noch nie gehört hatte – ein vierseitiges Wochenblatt, gedruckt in einer Auflage, die kaum die eigene Gemeinde gefüllt haben dürfte. Ich hätte den Karton mit den Jahrgängen 1975 und 1976 fast ungeöffnet weitergereicht. Fast.
Was mich aufhielt, war eine schmale braune Mappe, lose zwischen zwei Zeitungsstapeln geklemmt, mit der Aufschrift „VERTRAULICH“ in rotem Stempel. Kein Aktenzeichen des Kreisarchivs, kein Eingangsvermerk der Verwaltung – nur eine handgeschriebene Nummer: 1975-POS-001. Ich öffnete sie, weil man solche Dinge öffnet, wenn man den ganzen Tag ohnehin nur Papier bewegt.
Ein Polaroid fiel mir entgegen. Darauf eine Dorfkirche, Kirchenbänke im Halbdunkel, und mittendrin eine Gestalt, die weder Mensch noch etwas anderes war, das ich hätte benennen können – hoher, kahler Schädel, riesige dunkle Augen, ein Gewand wie ein Talar, barfuß auf den Steinfliesen. Unter dem Foto stand in blauer Tinte: „Poselkow – 12.07.1975.“ Der Aktenvermerk darüber war knapp und, wie mir schien, bewusst nüchtern gehalten: „Tatbestand: Unbekannte Lebensform in Kirche.“ Eingegangen zwei Tage später, am 14. Juli. Kein Ermittler namentlich genannt. Kein Vermerk, was danach geschah.
Ich legte das Foto beiseite, so wie man eine Sache beiseitelegt, von der man noch nicht weiß, ob sie einen Scherz oder eine Wahrheit birgt, und arbeitete mich weiter durch den Karton. Und je tiefer ich grub, desto klarer wurde: Dieser eine Fund stand nicht für sich.
Fünf Monate später, im Dezember desselben Jahres, brachte der „Landbote“ eine Titelgeschichte, geschrieben mit derselben angestrengten Sachlichkeit wie die Polizeiakte. Pilzartige Schleimschnecken, hieß es dort, seien im Forst bei Poselkow gesichtet worden – „Kreaturen“, wie der unbekannte Redakteur sie nannte, zuerst entdeckt von einem gewissen Pfarrer Kieseling. Der Geistliche, so der Artikel weiter, habe die Funde als invasive Art eingestuft und sie im selben Atemzug als außerirdische Spezies deklariert. Am Rand, in einer Spalte, die aussah, als sei sie in letzter Minute noch hineingequetscht worden, stand ein einziger Satz, unterstrichen: „Haben die Aliens vom Sommer damit zu tun?“
Kieseling. Derselbe Name, der mir schon bei der Polizeiakte über den Weg gelaufen war, wenn auch nicht direkt vermerkt – aber welcher Pfarrer sonst hätte im Juli desselben Jahres Grund gehabt, sich mit einer Behörde über „unbekannte Lebensformen“ auseinanderzusetzen? In einem zweiten, handbeschrifteten Ordner fand ich Zeichnungen, die diesem Kieseling zugeschrieben wurden – gehalten in einem Stil, wie ihn Alexander von Humboldt für seine amerikanischen Expeditionen verwendet hatte: sorgfältig lavierte Pilzkörper, Fundortangaben, Maßangaben, sogar lateinisch klingende Gattungsnamen, die in keinem mir bekannten Register auftauchten. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, diese Funde zu dokumentieren, als handle es sich um eine ernstzunehmende naturkundliche Entdeckung – nicht um Dorftratsch.
Und dann, ein weiteres halbes Jahr später, die Sache mit den Kühen.
Ich fand den Ausschnitt zusammengefaltet in einem Umschlag, der eigentlich Steuerbescheide der Gemeinde enthalten sollte. Eine Randnotiz des „Landboten“, kaum mehr als eine Meldung: drei Kühe, verschwunden von einer Weide bei Poselkow, der Zaun unversehrt, die Polizei ratlos. Doch es blieb nicht bei dieser einen Meldung. Im Mai 1976 – acht Monate nach der ersten Sichtung der Schleimschnecken, zehn Monate nach dem Foto aus der Kirche – erschien ein ausführlicherer Artikel, den ich seither nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Ich zitiere ihn hier, so wie ich ihn in der Mappe fand, Wort für Wort, samt einem kleinen Fehler in der Datumszeile, den entweder der Setzer verschuldet hat oder den jemand ganz bewusst so stehen ließ:
POSELKOWER LANDBOTE — Mai 1976
Das Rätsel von Poselkow: Verschwundene Kühe und wandernde Schleimwesen
Unheimliche Spuren auf der Weide — Forscher prüfen überraschenden Zusammenhang
POSELKOW, 12. August. Seit drei Kühe auf einer Weide bei Poselkow spurlos verschwunden sind, rätseln Landwirte und Anwohner über das ungewöhnliche Ereignis. Der Weidezaun ist unbeschädigt, Hufspuren führen zunächst in Richtung Wald – doch dort verlieren sie sich plötzlich. Stattdessen wurden an mehreren Stellen merkwürdige, pilzartig aussehende Schleimgebilde entdeckt.
Die bislang unbekannten Gebilde erinnern an historische Zeichnungen von Schleimpilzen und Plasmodien. Auf alten naturkundlichen Tafeln werden ähnliche Organismen als schleimige, kriechende Lebensformen beschrieben. Tatsächlich können Schleimpilze erstaunliche Formen annehmen und sich langsam über feuchte Untergründe bewegen.
„Sie waren gestern noch da“
Landwirt Heinrich M. kann sich das Verschwinden seiner Tiere nicht erklären. „Am Abend standen alle Kühe noch auf der Weide. Am nächsten Morgen waren es nur noch drei weniger“, berichtet er. Besonders rätselhaft sei, dass weder der Zaun beschädigt noch ein Tor geöffnet worden sei.
Ein Anwohner will in der Nacht zuvor ein „feuchtes Schmatzen“ aus Richtung der Weide gehört haben. Am nächsten Morgen entdeckte er dort mehrere ungewöhnliche, fleischige Gebilde zwischen Gras und morschem Holz.
Forscher stoßen auf eine ungewöhnliche Spur
Bei einer ersten Untersuchung wurden die Gebilde fotografiert und mit historischen Abbildungen verglichen. Auffällig sind ihre verzweigten Formen und die schleimige Oberfläche. Einige Exemplare scheinen sogar ihre Position verändert zu haben.
Wissenschaftlich bekannt ist, dass bestimmte Schleimpilze als große, vielkernige Zellverbände auftreten und sich kriechend fortbewegen können. Unter günstigen feuchten Bedingungen können sie beträchtliche Ausmaße erreichen.
Ob diese Organismen jedoch irgendetwas mit dem Verschwinden der Kühe zu tun haben, ist völlig ungeklärt.
„Vielleicht haben wir etwas übersehen“
Ein hinzugezogener Biologe warnt davor, vorschnelle Schlüsse zu ziehen: „Ein Zusammenhang zwischen den Schleimgebilden und den verschwundenen Tieren ist bislang reine Spekulation.“ Dennoch wolle man die Fundstellen genauer untersuchen.
Besonders mysteriös: An einer Stelle wurden neben den Schleimspuren mehrere große Kuhhaare gefunden. Ob sie tatsächlich von den vermissten Tieren stammen, soll eine Laboruntersuchung klären.
Unterdessen kursieren im Dorf bereits die wildesten Theorien. Manche sprechen von einer bislang unbekannten Pilzart, andere von einem unterirdischen Organismus. Ein Bewohner behauptet sogar, in der vergangenen Nacht habe sich „etwas Großes und Glitschiges“ über die Wiese bewegt.
Die drei Kühe bleiben verschwunden. Die Schleimwesen sind wieder aufgetaucht.
Und irgendwo zwischen Wald und Weide scheint etwas darauf zu warten, dass es erneut feucht wird.
Was mich an diesem Artikel bis heute umtreibt, ist nicht die Geschichte der Kühe selbst – Tiere verschwinden, Zäune werden übersehen, Wölfe kehren zurück, das alles hat man in ländlichen Gegenden schon oft gehört. Es ist die Beiläufigkeit, mit der der Text die Schleimgebilde einführt, so als hätte die Redaktion längst akzeptiert, dass es sie gibt, und sich nur noch fragte, was sie anrichten. Kein einziges Fragezeichen zur Existenz der Wesen selbst. Nur zur Frage, ob sie etwas mit dem Verschwinden zu tun haben.
Ich habe versucht, den Landwirt Heinrich M. ausfindig zu machen. Das Einwohnermelderegister der Gemeinde Poselkow – heute ein Ortsteil ohne eigene Verwaltung – verzeichnet für die fragliche Zeit tatsächlich einen Heinrich Mehlhorn, geboren 1921, gestorben 1989. Keine Versicherungsakte über den Verlust der Tiere, kein Vermerk in den Sitzungsprotokollen der Gemeindevertretung, obwohl ein Ereignis dieser Größenordnung in einem Dorf mit knapp vierhundert Einwohnern eigentlich tagelang Gesprächsstoff gewesen sein müsste. Es ist, als hätte man die Sache bewusst aus den offiziellen Kanälen herausgehalten und nur dem Lokalblatt überlassen, das ohnehin kaum jemand außerhalb der Gemeinde las.
Auch Pfarrer Kieseling verliert sich in den Akten. Das Pfarramt Poselkow wurde 1978 mit dem Nachbarort zusammengelegt, sein Name taucht in keinem Kirchenbuch der Umgebung nach 1976 mehr auf. Kein Sterbeeintrag, keine Versetzung. Als hätte er sich, wie die Kühe, einfach aufgelöst.
Ich habe die Mappe, die Zeichnungen und die Zeitungsausschnitte dem Kreisarchiv übergeben, mit der Bitte, sie nicht zu vernichten. Was ich nicht abgegeben habe, ist die Kopie des Polaroids. Es liegt bei mir, zusammen mit meinen Notizen. Manchmal frage ich mich weniger, was in jener Julinacht 1975 tatsächlich in der Kirche von Poselkow stand – sondern wer, fast fünfzig Jahre später, so gründliche Arbeit geleistet hat, dass fast nichts davon übrig blieb. Nur ein Foto, ein paar Zeichnungen, ein paar vergilbte Wochenblätter, die eigentlich längst hätten verschwinden sollen.
Und irgendwo zwischen Waldrand und Weide, heißt es im letzten Satz jenes Mai-Artikels, wartet etwas darauf, dass es wieder feucht wird.
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das als Naturbeobachtung gemeint war.
Wir bleiben dran!
Der Anhang zum Nachlesen:
Die Geschichte einer Welt die nicht unsere ist