Seht die Welt durch meine Augen

Die Geschichte einer Welt die nicht unsere ist

Die Chronik von M67

oder: Was Pfarrer Kieseling wirklich sah


Prolog — Der Traum, der nicht aufhören wollte

Klaus Peter Kieseling hatte in seinem Leben nie viel von Träumen gehalten. Ein Traum war für ihn das, was zurückblieb, wenn der Verstand im Schlaf die Zügel losließ – ein Nachhall des Tages, mehr nicht. Bis zu jener Nacht im Herbst, in der er zum ersten Mal auf einem Rundhaus stand, dessen Wände aus einem Material bestanden, das weder Stein noch Metall war, sondern irgendetwas dazwischen, warm unter der Handfläche und leicht pulsierend, als würde es atmen.

Er stand dort, blickte über eine Landschaft, die er später nie richtig in Worte fassen konnte – Hügel, die sich bewegten, ohne dass Wind sie berührte, ein Himmel in einem Grün, das es auf keiner Farbtafel gab –, und neben ihm standen Gestalten. Menschen, sagte sein erster Eindruck. Doch als er genauer hinsah, erkannte er die feinen Nähte an ihren Hälsen, die metallischen Adern unter durchscheinender Haut, die Augen, die zu klar leuchteten, um rein biologisch zu sein. Cyborgs. Das Wort fiel ihm im Traum einfach zu, so wie einem im Traum manchmal ganze Sätze zufallen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen.

Der Traum kam wieder. Und wieder. Über Monate, dann über Jahre. Jedes Mal ein Stück weiter in dieselbe Geschichte hinein, als würde ihm jemand Kapitel für Kapitel vorlesen, während er schlief. Kieseling begann, was er sah, aufzuzeichnen – erst mit ein paar hingeworfenen Bleistiftlinien auf dem Nachttisch, später mit sorgfältigen Tuschezeichnungen, die eine Genauigkeit besaßen, die ihn selbst erschreckte. Er zeichnete die Tierwelt jener Welt, die Anatomie der Cyborgs, die Rundhäuser, die Landschaften. Er nannte den Ort, weil ihm im Traum ein Blick durch etwas wie ein Teleskop gewährt worden war, auf dem ein Sternbild stand, das er später in einem Atlas wiedererkannte: Messier 67, ein Kugelsternhaufen im Sternbild Krebs, über vierunddreißig Millionen Jahre alt, eine der ältesten bekannten Sternenansammlungen unserer Galaxie.

Was folgt, ist die Geschichte, die sich Kieseling über Jahre zusammensetzte – nicht als Theologe, sondern als jemand, der etwas gesehen hatte und es nicht mehr loswurde. Manches davon erzählte er später selbst, in Predigten, die seine Gemeinde befremdeten. Vieles wurde erst nach seinem Verschwinden aus den Unterlagen rekonstruiert, die er hinterließ – Aufzeichnungen, die sich, wie sich noch zeigen wird, in mehreren, einander widersprechenden Fassungen erhalten haben, jede von ihnen einem anderen seiner „Jünger" zugeschrieben, jene Handvoll Menschen, die ihm auf seinem Weg glaubten und seine Aufzeichnungen weiterführten, nachdem er selbst nicht mehr da war, um sie zu erzählen.


Teil I — Der Untergang von Cybros

Auf einem der drei Planeten, die den Sternhaufen M67 umkreisten, hatte sich vor undenklicher Zeit eine Zivilisation entwickelt, die ihre eigene Sterblichkeit nicht hinnehmen wollte. Man nannte den Planeten später, in den Aufzeichnungen, Cybros – ein Name, der erst in der Rückschau entstand, als längst klar war, wofür seine Bewohner standen: für die vollständige Verschmelzung von Fleisch und Maschine.

Die Cyborgs von Cybros hatten nicht in einem einzigen Sprung ihre Biologie hinter sich gelassen. Es war ein langsamer, über Generationen gewachsener Prozess gewesen – zuerst Prothesen für Verletzte, dann Implantate gegen Krankheiten, dann Erweiterungen, die keiner mehr Prothese nannte, weil sie nichts ersetzten, sondern hinzufügten. Am Ende dieses langen Weges stand eine Spezies, die kaum noch an die Grenzen erinnerte, die einen biologischen Körper einst definiert hatten. Sie sahen im Dunkeln, sie heilten sich selbst, sie speicherten Erinnerungen außerhalb ihres eigenen Gehirns, für den Fall, dass der Körper einmal versagte.

Doch Fortschritt kostet, was er verspricht zu sparen. Die Herstellung, Wartung und ständige Weiterentwicklung dieser technologischen Körper verschlang Ressourcen in einem Ausmaß, das der Planet auf Dauer nicht tragen konnte. Die Cyborgs bauten, gruben, verbrannten, filterten, synthetisierten – und irgendwann kippte das Gleichgewicht, ohne dass jemand genau hätte sagen können, an welchem Tag es geschah. Die Luft wurde dünner an Sauerstoff und dicker an Partikeln, die kein Filter mehr vollständig herausbekam. Der Boden, einst fruchtbar, wurde zu einer Kruste, aus der nichts mehr wuchs, das man hätte essen können. Und mit der Umwelt litt auch das, was von der Biologie der Cyborgs noch übrig war: ihre Gene. Die ständigen technologischen Eingriffe in die eigene Zellstruktur, kombiniert mit der zunehmenden Strahlenbelastung einer sterbenden Atmosphäre, führten zu Verstümmelungen und Unfruchtbarkeit, die sich von Generation zu Generation verschärften. Kinder wurden seltener geboren. Wenn sie geboren wurden, trugen viele Fehlbildungen in sich, die selbst die fortschrittlichste Medizin nicht mehr korrigieren konnte.

Es gab unter den Cyborgs jene, die glaubten, man könne das Problem lösen, indem man noch tiefer in die eigene Biologie eingriff – noch mehr Technik, noch radikalere Verschmelzung, als könne man sich aus einem Loch graben, indem man tiefer gräbt. Ihre Experimente scheiterten reihenweise, und jedes gescheiterte Experiment hinterließ neue, unvorhergesehene Schäden im genetischen Material der gesamten Bevölkerung. Man hatte versucht, die eigene Sterblichkeit zu besiegen, und stattdessen die eigene Fortpflanzungsfähigkeit vernichtet.

Als die Ressourcen zur Neige gingen und die Natur, was von ihr noch übrig war, sich in Dürren, Stürmen und toten Zonen gegen ihre Bewohner zu wenden schien, versammelte sich der Rat der Cyborgs zu einer Entscheidung, die keine Zustimmung mehr brauchte, weil es keine Alternative mehr gab: Sie würden ihre Heimat verlassen. Nicht als Flucht, sagten sie sich – als Aufbruch. Sie bauten, in einer letzten gemeinsamen Kraftanstrengung, die alle verbliebenen Ressourcen des Planeten verschlang, ein Weltenschiff, groß genug, um einen Bruchteil ihrer Bevölkerung und die eingefrorenen genetischen Archive dessen, was von ihrer Tier- und Pflanzenwelt noch zu retten war, aufzunehmen. Sie nannten es nicht Arche, aber es war eine.


Teil II — Die Tube und die fünf Propheten

Was das Weltenschiff der Cyborgs auf seiner Reise durch den leeren Raum zwischen den Sternen fand, war nichts, wofür ihre Wissenschaft einen Namen gehabt hätte. Sie nannten es schlicht die Tube – ein längliches, in sich gekrümmtes Gebilde, umgeben von einem Lichtschein, der kein bekanntes Spektrum zeigte, das sich durch den Raum zu winden schien wie ein Fluss, der keine Ufer kennt. Instrumente, die auf jedem anderen Objekt im All exakte Messwerte lieferten, versagten in der Nähe der Tube oder lieferten Werte, die einander widersprachen, als gehorche das Ding nicht durchgängig denselben physikalischen Gesetzen.

Ein Teil der Crew wollte einen weiten Bogen um das Phänomen fliegen. Ein anderer Teil – und dieser Teil setzte sich durch, wie es in Extremsituationen oft der wagemutigere tut – wollte verstehen, was sie da vor sich hatten. Sie schickten Sonden hinein, dann, als die Sonden Daten zurücksandten, die auf eine Passierbarkeit hindeuteten, wagten sie den Schritt mit dem gesamten Schiff.

Was in der Tube geschah, lässt sich aus den überlieferten Aufzeichnungen nicht mehr rekonstruieren, ohne ins Spekulative zu geraten. Die Berichte sprechen von einem Gefühl, als würde die eigene Existenz für einen Wimpernschlag in mehrere Richtungen zugleich weitergeführt – als träfe man auf Fragmente anderer Möglichkeiten, wie man selbst hätte leben können, hätte eine einzige Entscheidung anders ausgesehen. Manche der Cyborgs kamen mit Erinnerungen aus der Tube zurück, die nicht ihre eigenen waren. Manche kamen mit Fähigkeiten zurück, die sie vorher nicht besessen hatten. Und fünf von ihnen kamen so verändert zurück, dass ihre eigene Gemeinschaft begann, sie nicht mehr als ihresgleichen, sondern als etwas Neues zu betrachten.

Diese fünf würden später als die Propheten von M67 in die Überlieferung eingehen.

Zalthor, der als Erster aus der Tube zurückkehrte, brachte eine Ruhe mit, die seine Mitreisenden zunächst beunruhigte, weil sie so gar nicht zu den Schrecken passte, die sie durchlebt hatten. Er sprach von Licht nicht als physikalischem Phänomen, sondern als etwas, das man in sich tragen könne, unabhängig davon, wie dunkel die Umgebung war. Seine Lehre – wenn man es so nennen will, denn er selbst hätte das große Wort vermutlich abgelehnt – kreiste um Mitgefühl und Harmonie, um die Idee, dass eine Zivilisation, die sich selbst fast ausgelöscht hatte, ihren Neuanfang nicht mit denselben Fehlern beginnen dürfe. Man verehrte ihn bald wie eine Verkörperung dessen, wonach sich alle sehnten, nachdem sie ihre Heimat verloren hatten: nach Wärme in einer kalten, unbekannten Zukunft.

Xerathia kam anders zurück. Sie sprach kaum noch von der Gegenwart, sondern von dem, was kommen würde – und was sie vorhersagte, traf mit einer Häufigkeit ein, die sich nicht mehr allein durch Zufall erklären ließ. Sie wurde zur Seherin der Flotte, zu jener Stimme, die man befragte, bevor man wichtige Entscheidungen traf, auch wenn ihre Prophezeiungen selten Trost spendeten. Sie sagte den Bewohnern voraus, dass ihre neue Heimat nicht das Paradies sein würde, das sie sich erhofften, sondern ein Ort, an dem sich die Fehler der Vergangenheit in neuer Form wiederholen könnten – wenn man nicht wachsam blieb.

K'arax – von ihm wird noch ausführlich zu berichten sein – trat als Prophet des Wandels hervor. Er predigte, dass die Katastrophe, die Cybros zerstört hatte, keine Strafe und kein Unglück gewesen sei, sondern die logische Folge einer Zivilisation, die sich geweigert hatte, sich zu verändern, bevor die Veränderung erzwungen wurde. Wandel, so seine Lehre, sei kein Zeichen von Schwäche, sondern die einzige Konstante, die einem Überleben sichere. Seine Anhänger, die sich rasch um ihn scharten, glaubten, dass persönliches wie kollektives Wachstum nur durch die Bereitschaft entstehe, sich immer wieder infrage zu stellen.

Lyssandra kehrte mit einer Verbindung zur Natur zurück, die selbst unter den Propheten als die rätselhafteste galt. Sie, die aus einer Zivilisation stammte, die ihre eigene Umwelt bis zur Unbewohnbarkeit ausgebeutet hatte, sprach nun mit einer Dringlichkeit von ökologischer Harmonie, die klang, als hätte sie in der Tube etwas gesehen, das die anderen nicht gesehen hatten – eine Ahnung davon, was noch verloren gehen könnte, wenn man nicht lernte, anders zu leben.

Vexor schließlich, der letzte der fünf, hielt fest an dem, was die Cyborgs überhaupt erst zu dem gemacht hatte, was sie waren: an Technologie. Doch seine Lehre war keine bloße Fortsetzung des alten Denkens. Er sprach von einer Vereinigung von Wissenschaft und etwas, das man am ehesten als Spiritualität bezeichnen könnte – von der Idee, dass Fortschritt nicht per se der Feind der Weisheit sei, solange man ihn nicht von ihr trenne.

Jeder der fünf Propheten fand Anhänger, die ihre Lehren aufschrieben, weitertrugen, manchmal auch veränderten. Aelara, Thalgar, Rynax und Sylara – die vier Jünger, deren Namen in den Aufzeichnungen am häufigsten auftauchen – wurden zu den Chronisten dessen, was ihre jeweiligen Lehrer erlebt und gelehrt hatten. Und wie es mit mündlicher Überlieferung immer geschieht, begannen ihre Versionen derselben Ereignisse bald auseinanderzudriften.

Die Flotte fand schließlich, nach der Durchquerung der Tube, tatsächlich eine neue Heimat – die drei Planeten in M67, auf denen sich die Cyborgs niederließen. Aus eingefrorenen Genen erweckten sie neu, was von ihrer alten Tier- und Pflanzenwelt zu retten gewesen war, formten daraus – nach ihrem eigenen Ebenbild, wie es in den Aufzeichnungen unmissverständlich heißt – eine neue Fauna, die selbst Teil Maschine, Teil Organismus war. Und in den Rundhäusern, die Kieseling in seinen Träumen sah, begann eine neue Epoche.


Teil III — K'arax und die Dystopie

Nicht alles, was auf den drei Planeten entstand, geschah im Licht. Unter der Oberfläche eines der Planeten – jenes, das später in den Aufzeichnungen schlicht als „die Dystopie" bezeichnet wurde – hatte sich etwas entwickelt, das mit den lichten Lehren Zalthors oder der naturverbundenen Weisheit Lyssandras wenig gemein hatte.

Dort unten, in einem Labyrinth aus Tunneln und Kammern, standen die Überreste gigantischer Bauten, deren Form an nichts erinnerte, was die Cyborgs selbst je errichtet hätten – Strukturen, die aussahen, als hätte jemand mit übermenschlichen Händen Sandburgen geformt und dann verlassen, halb eingestürzt, mit rissigen Wänden, aus denen an manchen Stellen ein schwaches, pulsierendes Licht drang. Überall in diesen Ruinen lagen Fragmente – Bruchstücke von etwas, das einst wie riesige Augen ausgesehen haben musste, jetzt zersplittert und blind, aber mit einer Präsenz, die jeden, der sie sah, das unangenehme Gefühl vermittelte, selbst beobachtet zu werden.

K'arax war es, der sich als Erster tiefer in diese Welt wagte. Seine Lehre vom Wandel hatte ihn gelehrt, keine Angst vor dem Unbekannten zu haben, sondern es als Gelegenheit zu begreifen. Was er dort unten fand, stellte diese Überzeugung auf eine harte Probe.

In den feuchten, lichtlosen Gängen der Dystopie lebten Kreaturen, die niemand vorher gesehen hatte – Wesen mit halb durchsichtigen, gallertartigen Körpern, die sich lautlos durch die Dunkelheit bewegten, kaum wahrnehmbar, bis man fast über sie stolperte. K'arax und seine Anhänger nannten sie Schleimschnecken, weil kein treffenderes Wort existierte. Doch schon bei den ersten Begegnungen fiel auf, dass etwas an diesen Kreaturen nicht stimmte. Viele von ihnen trugen Wucherungen in sich, die sich unter der durchscheinenden Haut wanden wie eigenständige Lebewesen – Parasiten, die man später Ulkus-Würmer nannte, die sich durch das Gewebe ihrer Wirte fraßen und ihnen sichtlich Qualen bereiteten.

Andere Schleimschnecken trugen Missbildungen, die eher genetischen als parasitären Ursprungs zu sein schienen. K'arax, der sich in seiner Zeit auf Cybros durchaus mit Medizin beschäftigt hatte, katalogisierte diese Anomalien mit einer Sorgfalt, die seinen Anhängern half, das Grauen ein Stück weit auf Distanz zu halten, indem sie es benannten: Agenesie, das vollständige Fehlen von Organen. Aplasie, ihre unvollständige Entwicklung. Atresie, der Verschluss natürlicher Körperöffnungen. Choristie, das Auftreten von Gewebe an völlig falscher Stelle im Körper. Dysplasie, die Fehlentwicklung von Zellstrukturen. Dysraphie, das unvollständige Verschließen von Körperspalten, wie man es von schweren Fehlbildungen der Wirbelsäule kennt. Dystopie – ein Begriff, der ursprünglich eine falsch platzierte Struktur innerhalb eines Organismus bezeichnet, und der sich in den Aufzeichnungen K'arax' bald von der medizinischen Diagnose zur Bezeichnung für den gesamten unterirdischen Ort verselbstständigte, als hätte die ganze Welt dort unten dieselbe Fehlbildung wie ihre Bewohner. Und schließlich Fusion, das Verwachsen von Strukturen, die eigentlich getrennt bleiben sollten.

Diese Schleimschnecken, so grotesk viele von ihnen aussahen, waren keine zufällige Laune der Natur. K'arax begriff mit der Zeit, dass ihre Deformationen in einem Zusammenhang mit den Überresten der gigantischen Exoskelette standen, die überall in der Dystopie verstreut lagen – Panzerungen von einer Größe und Form, die auf kein bekanntes Lebewesen zurückzuführen waren, die aussahen, als hätten Wesen von unvorstellbarem Ausmaß hier einst gelebt und wären dann, aus Gründen, die niemand rekonstruieren konnte, verschwunden oder gestorben und hätten nur ihre leeren Hüllen zurückgelassen. Strahlung, die von diesen Exoskeletten ausging, oder vielleicht etwas Subtileres, das keine Messung erfasste, schien das Erbgut der Schleimschnecken über Generationen hinweg zu verändern.

K'arax sah darin – und das war der Kern dessen, was er seinen Anhängern predigte – kein Unglück, sondern ein Zeichen. Wandel, sagte er, zeige sich nicht nur in den erhabenen Formen, die man sich wünsche, sondern auch in den hässlichen, unbequemen, die man lieber übersähe. Wer wirklichen Wandel verstehen wolle, müsse bereit sein, auch in die dunkelsten und deformiertesten Winkel der Existenz zu blicken, ohne sich abzuwenden.

Doch je tiefer K'arax und seine wachsende Anhängerschaft in die Dystopie vordrangen, desto stärker wurde das Gefühl, nicht allein zu sein. Die zersplitterten Augenfragmente, die überall zwischen den Ruinen lagen, schienen sich – niemand konnte sagen, ob es Einbildung war oder nicht – in ihrer Ausrichtung minimal zu verändern, je nachdem, wo sich die Eindringlinge gerade befanden. Manche seiner Anhänger berichteten von einem Gefühl, verfolgt zu werden, das sie nicht abschütteln konnten, selbst wenn sie sich in vermeintlich sicherer Entfernung von den Ruinen befanden. Etwas in der Dystopie, so glaubten viele von ihnen am Ende, war nicht tot. Es wartete.

K'arax selbst kehrte aus diesen letzten Expeditionen verändert zurück, verschlossener, als hätte er etwas gesehen, das selbst seine Lehre vom notwendigen Wandel nicht mehr vollständig einordnen konnte. Es ist eine der bemerkenswertesten Lücken in den überlieferten Chroniken, dass niemand genau festhielt, was ihn am Ende dazu brachte, die Erforschung der Dystopie abzubrechen. Manche Aufzeichnungen deuten an, dass er etwas fand, das er bewusst nicht weitergab.


Teil IV — Die pilzartigen Schleimschnecken: Vier Überlieferungen einer Wahrheit

Es ist eines der eigentümlichsten Merkmale der M67-Chroniken, dass die Geschichte der pilzartigen Schleimschnecken – jener Kreaturen, die K'arax zuerst in der Dystopie entdeckte und die später, in domestizierter, weniger schrecklicher Form, auch in den lichten Urwäldern der Oberfläche gedeihen sollten – nicht in einer, sondern in mindestens vier grundverschiedenen Fassungen überliefert ist, jede einem anderen Jünger zugeschrieben. Man könnte versucht sein, eine dieser Fassungen für die „richtige" zu halten und die anderen für Legenden, die sich im Lauf der Zeit angelagert haben. Doch wer die vier Versionen nebeneinanderlegt, erkennt schnell, dass sie einander nicht ausschließen, sondern von unterschiedlichen Blickwinkeln auf dasselbe erzählen: von einer Spezies, die überlebte, weil sie sich nicht entscheiden musste, was sie war.

Nach Thalgar, dem Jünger der Seherin Xerathia, waren die Schleimschnecken von Anfang an ein Rätsel, das sich der Beobachtung entzog. Er beschrieb sie als uralt, eine Spezies, die die Zeitrechnung der Cyborgs bei Weitem überstieg, ein integraler Bestandteil des Ökosystems, das für die Verbreitung von Sporen und die Regulierung des Nährstoffkreislaufs im Urwald verantwortlich war. Thalgar interessierte sich, ganz im Sinne seiner Lehrmeisterin, weniger für den Ursprung der Kreaturen als für das, wozu sie sich entwickeln würden – und seine Chronik liest sich streckenweise wie eine Prophezeiung über zukünftige Generationen von Schleimschnecken, die zunehmende Resistenz gegen die Ulkus-Würmer entwickeln, die lernen, ihre eigenen deformierten Körper zu regenerieren, die als Spezies nicht trotz, sondern wegen ihrer Wunden wachsen.

Nach Aelara, der Hohepriesterin des Lichts, nimmt die Geschichte eine dunklere Wendung. In ihrer Version bleibt es nicht bei der stillen Koexistenz zwischen Schleimschnecken und ihrem Urwald. Ein „intergalaktischer Reisender" – eine Gestalt, über die Aelaras Aufzeichnungen bemerkenswert wenig verraten, fast so, als hätte sie selbst nicht gewusst, wie sie ihn einordnen sollte – wurde auf die einzigartigen Anpassungsfähigkeiten der Schleimschnecken aufmerksam und begann, sie zu entführen. Er verstreute sie über zahllose Planeten der Galaxie, um zu beobachten, wie sie sich unter völlig fremden Bedingungen verhielten – ein kosmisches Experiment, dessen Ergebnis, wie Aelara knapp und fast widerwillig festhält, war, dass sich die Schleimschnecken „als äußerst robust" erwiesen. In dieser Fassung sind es nicht die Schleimschnecken, die sich aus eigenem Antrieb über den Kosmos ausbreiteten, sondern eine fremde Hand, die sie verstreute wie Samen, ohne zu fragen, ob sie das wollten.

Nach Rynax, dem Wächter des Wandels und damit dem Jünger, der K'arax selbst am nächsten stand, war es kein fremder Reisender, sondern ein Naturereignis, das den entscheidenden Umbruch brachte: ein gewaltiger Sturm, der über den Urwald zog und Tausende von Schleimschnecken samt ihren Sporen mit sich riss, hinaus in den Weltraum, wo die Winde sie über unzählige Planeten und Monde verteilten. In Rynax' Erzählung ist es der Zufall selbst, der zur treibenden Kraft der Evolution wird – und in seiner Version spaltete sich die ursprüngliche Spezies auf den neuen Welten in zwei getrennte Linien: die Schnecken, die als eigenständige Weichtiere ihren Weg gingen, und die Pilze, die sich zu jener stillen, geduldigen Lebensform entwickelten, die noch heute abgestorbene Materie zersetzt und den Kreislauf der Natur am Laufen hält. Rynax' Chronik endet mit einem Satz, der fast wie eine beiläufige Randbemerkung wirkt und doch das ganze Gewicht seiner Erzählung trägt: dass Weichtiere und Pilze, wie wir sie heute kennen, ihren gemeinsamen Ursprung in einem fernen Wald tragen, dessen Namen die meisten von ihnen längst vergessen haben.

Nach Sylara, der Hüterin der Natur und Jüngerin Lyssandras, reicht die Geschichte am weitesten zurück – bis zu winzigen, unscheinbaren Organismen namens „die Zwittrigen", die über eine Fortpflanzungsfähigkeit verfügten, die man Autogamie nennt: die Fähigkeit, sich selbst zu befruchten, ganz ohne Partner. Diese radikale Unabhängigkeit von äußeren Bedingungen, so Sylara, war der eigentliche Ursprung der außergewöhnlichen Anpassungsfähigkeit, die die Schleimschnecken später auszeichnete. Aus den Zwittrigen entwickelte sich, über unfassbare Zeiträume, ein Netzwerk aus fadenartigen Strukturen – Myzelien –, die eine effiziente Nährstoffaufnahme ermöglichten, und schließlich fünf Augen, die es den Kreaturen erlaubten, Gefahren in einer lichtlosen Welt frühzeitig zu erkennen. Auch bei Sylara endet die Geschichte mit einer Aufspaltung – in Schneckschnecken, die Schalen entwickelten und Teil der Weichtiere wurden, und Pilzschnecken, die ohne Schale blieben und als das fortlebten, was wir heute Pilze nennen.

Und dann gibt es noch die Version, die keinem einzelnen Jünger zugeschrieben wird, sondern schlicht „dem Volk" – eine Fassung, die Elemente aus allen vier vorangegangenen aufgreift und sie zu einem größeren, fast mythischen Bogen verwebt: Die Menschheit selbst, so heißt es in dieser Überlieferung, hatte in ferner Zukunft die Sterne erobert und stieß bei ihrer Erkundung der Galaxie auf den fernen Planeten der pilzartigen Schleimschnecken. Wissenschaftler begannen, die Kreaturen zu untersuchen, fasziniert von ihrer Fähigkeit, mit den Ulkus-Würmern und den genetischen Anomalien zu leben, statt an ihnen zugrunde zu gehen. Auch in dieser Fassung taucht der geheimnisvolle intergalaktische Reisende wieder auf, der die Schleimschnecken über zahllose Welten verstreute – und die Chronik endet mit einem Satz, der bewusst offengelassen wurde, als hätte der letzte Erzähler selbst nicht gewusst, wie er enden sollte: „Doch das war noch nicht das Ende der erstaunlichen Entwicklung der pilzartigen Schleimschnecken."

Wer diese vier – oder fünf – Versionen nebeneinanderlegt, könnte sie als Widerspruch lesen. Vielleicht ist es treffender, sie als das zu lesen, was Überlieferung immer ist: kein Protokoll, sondern ein Echo, das sich mit jeder Weitergabe leicht verändert, ohne dabei falscher zu werden. Was in allen vier Fassungen gleich bleibt, ist der Kern: eine Spezies, geboren aus Schmerz und Deformation, die genau daraus die Fähigkeit entwickelte, praktisch überall zu überleben – im dichtesten Urwald, in der tiefsten Höhle, in der giftigsten Sumpflandschaft, und, wie sich noch zeigen sollte, auch weit jenseits ihrer ursprünglichen Heimat.


Teil V — Die 15 Gebote und das, was von K'arax blieb

Was K'arax in der Dystopie sah, veränderte ihn, doch es zerbrach ihn nicht. Aus dem, was er dort unten erlebt hatte – die Deformationen, die Parasiten, das beklemmende Gefühl, beobachtet zu werden, von etwas, das größer war als alles, was er verstehen konnte –, formte er keine Lehre der Angst, sondern eine der Anpassungsfähigkeit. Seine Fünfzehn Gebote, die seine Anhänger später zusammentrugen und die bis heute als das Kernstück seiner Philosophie gelten, lesen sich streckenweise wie eine direkte Antwort auf das, was er in den Ruinen der Dystopie gesehen hatte.

„Akzeptiere den Wandel", lautet das erste Gebot – eine Aufforderung, die vor dem Hintergrund der deformierten Schleimschnecken, die K'arax studiert hatte, eine andere Schwere bekommt als eine bloße Lebensweisheit. Wenn selbst eine von Parasiten zerfressene, genetisch entstellte Kreatur einen Weg fand, in ihrer Umgebung zu bestehen, so die implizite Logik, dann konnte auch eine Zivilisation, die ihre Heimat verloren hatte, einen Weg finden, sich neu zu erfinden.

„Bewahre die Natur", das neunte Gebot, trägt unverkennbar die Handschrift der Erfahrungen von Cybros in sich – die Erinnerung an einen Planeten, den man bis zur Unbewohnbarkeit ausgebeutet hatte, und die Entschlossenheit, diesen Fehler auf den neuen Welten nicht zu wiederholen.

Und „Sei achtsam", das dreizehnte Gebot, liest sich, wer die Berichte über die beobachtenden Augenfragmente in der Dystopie kennt, fast wie eine leise Warnung: dass man sich der Auswirkungen des eigenen Handelns bewusst sein müsse – nicht nur gegenüber anderen Menschen, sondern gegenüber allem, was man in einer fremden, unerforschten Welt aufstört, ohne es wirklich zu verstehen.

K'arax selbst zog sich in seinen letzten Jahren zunehmend zurück. Seine Anhänger berichteten von einem Mann, der zwar weiterhin lehrte, aber immer öfter Blicke in eine Ferne warf, die niemand sonst sehen konnte – als würde ein Teil von ihm noch immer durch die dunklen Gänge der Dystopie wandern, verfolgt von zersplitterten Augen, die niemals ganz aufhörten zu beobachten.


Epilog — Die Rückkehr des Blicks

Es gibt in den Aufzeichnungen, die Klaus Peter Kieseling über die Jahre anfertigte, eine Stelle, an der er selbst innehält – ein handschriftlicher Vermerk am Rand einer seiner Tuschezeichnungen, kaum leserlich, offenbar spät in der Nacht geschrieben: „Ich habe die Schleimschnecken schon einmal gesehen. Nicht im Traum."

Was genau er damit meinte, lässt sich aus den erhaltenen Unterlagen nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren. Doch wer die Geschichte kennt, die sich Jahre später im Wald bei Poselkow zutrug – die pilzartigen, transparenten, seltsam vertrauten Kreaturen, die dort im Dezember 1975 gesichtet wurden, benannt von einem Landpfarrer, der sie ohne zu zögern als außerirdische Spezies deklarierte –, kommt an einer Frage nicht vorbei, die sich in keiner der überlieferten Chroniken beantworten lässt: Hatte Kieseling in seinen Träumen tatsächlich nur eine ferne, fiktive Welt besucht? Oder war das, was er in jenen Nächten sah, näher an seiner eigenen Wirklichkeit, als er selbst es sich einzugestehen wagte, als er Jahre später im nasskalten Forst um Poselkow stand und eine Kreatur wiedererkannte, die er, wie er glaubte, nur aus seinen Träumen kennen konnte?

Die Dystopie unter der Oberfläche eines fernen Planeten, die zersplitterten Augen, die niemals ganz aufhörten zu beobachten, das Gefühl, verfolgt zu werden von etwas, das größer war als alles Verstehbare – vielleicht war es am Ende gar keine so große Reise, die zwischen einem Sternhaufen vierunddreißig Millionen Lichtjahre entfernt und einem kleinen Wald im Landkreis Wittenberg lag. Vielleicht, so ließe sich mit der Vorsicht sagen, die solche Fragen verdienen, folgt der Blick, der einmal auf einen gefallen ist, seinem Ziel über jede Entfernung hinweg, die sich in Lichtjahren oder in Kilometern messen lässt.

Was mit Sicherheit bleibt, sind die Aufzeichnungen selbst – die widersprüchlichen, einander ergänzenden, nie ganz zu Ende erzählten Chroniken von M67, die bis heute darauf warten, dass jemand die letzten fehlenden Kapitel findet. Und irgendwo, zwischen den Ruinen einer Dystopie und den Wurzeln eines alten Baumes, wartet vielleicht wirklich noch etwas darauf, dass es wieder feucht wird.




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Der Anhang zum nachlesen:

  1. 1.Propheten & Jünger
    - 3 Planeten in M67

  2. 2.K'arax - 15 Gebote

  3. 3.Die Weltengeschichten der Jünger - 3 Planeten in M67

  4. 4.K'arax - der Prophet des Wandels und die Dystopie

  5. 5.Die pilzartigen Schleimschnecken - Wunder der Natur

  6. 6.Die alten Karten vom PLanet „X“ auf M67

  7. 7.Der offene Sternenhaufen M67 (auch als NGC 2682 bezeichnet)

  8. 8.Geschichte der Stadt Poselkow!

  9. 9.Die Akte POSELKOW