Seht die Welt durch meine Augen
Die Geschichte einer Welt die nicht unsere ist
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Die Chronik von M67 — Teil 2
K'arax' Fünfzehn Gebote & Die Überlieferung der Aelara
I. Die Nacht, in der K'arax zu sprechen begann
Es gibt in den Aufzeichnungen einen Moment, der zwischen den einzelnen Chroniken kaum Beachtung findet, weil er sich nicht spektakulär genug anfühlt für eine Geschichte voller Cyborgs, Propheten und deformierter Kreaturen – und der doch, wenn man genauer hinsieht, der eigentliche Wendepunkt in K'arax' Weg ist. Es war die Nacht, nachdem er zum letzten Mal aus der Dystopie zurückgekehrt war.
Seine Anhänger, die ihn draußen erwartet hatten, berichteten später, er sei anders aus den Tunneln getreten als sonst. Nicht erschöpft im gewöhnlichen Sinn, sondern in einer Art, die sie nicht kannten – als hätte etwas dort unten nicht an seinem Körper, sondern an dem gezehrt, was einen Menschen zusammenhält, wenn man das Wort für einen Cyborg überhaupt noch verwenden darf. Er setzte sich nicht sofort zu ihnen. Er stand eine ganze Weile am Rand des Lagers und blickte zurück auf den Eingang zu den Tunneln, als warte er darauf, dass ihm jemand folgte.
Erst als die Sonne – oder das, was auf diesem Planeten die Funktion einer Sonne übernahm, ein diffuses, mehrfarbiges Glühen am Horizont – aufging, setzte er sich zu seiner Anhängerschaft und begann zu sprechen. Was er in dieser Nacht und in den folgenden Wochen formulierte, wurde später zu den Fünfzehn Geboten zusammengefasst, doch wer die ursprünglichen Mitschriften seiner Jünger liest, merkt schnell: Es war kein fertiges Regelwerk, das er einfach verkündete. Es war ein Ringen. Man spürt in jeder einzelnen Lehre, dass K'arax nicht doziert, sondern versucht, etwas zu verarbeiten, das ihn selbst noch nicht losgelassen hatte.
Die folgenden fünfzehn Gebote sind, so gut es die Überlieferung zulässt, in der Reihenfolge wiedergegeben, in der sie entstanden – nicht als trockene Liste, sondern eingebettet in das, was man über ihren Kontext weiß.
II. Die Fünfzehn Gebote des K'arax
1. Akzeptiere den Wandel.
Das erste Gebot war zugleich das kürzeste und, wie mehrere seiner Jünger unabhängig voneinander festhielten, dasjenige, das K'arax am häufigsten wiederholte, in den unterschiedlichsten Zusammenhängen, fast wie eine Formel, an der er sich selbst festhielt. Er sprach davon nicht als abstraktem Prinzip, sondern als etwas, das er an den Schleimschnecken beobachtet hatte: Kreaturen, deren Körper sich unter dem Druck von Parasiten und genetischen Fehlbildungen ständig neu ordnen mussten, um überhaupt weiterzuexistieren. Wer sich dem Wandel widersetze, so K'arax, ende wie Cybros – ein Ort, der so lange an seiner alten Form festgehalten hatte, bis die Form selbst zerbrach. Wandel sei kein Angriff auf das, was man sei, sondern die einzige Weise, in der etwas überhaupt fortbestehen könne.
2. Strebe nach Wachstum.
Wo das erste Gebot vom Aushalten des Wandels sprach, richtete sich das zweite auf das, was aus diesem Aushalten werden sollte: nicht bloßes Überleben, sondern Weiterentwicklung. K'arax unterschied hier deutlich zwischen den beiden Dingen – ein Organismus, so sagte er, könne durchaus überleben, ohne zu wachsen, doch ein solches Überleben sei auf Dauer nur ein langsameres Sterben. Wachstum verlangte, sich immer wieder neue Ziele zu setzen, gerade dann, wenn die alten erreicht oder unerreichbar geworden waren. Seine Anhänger verstanden dieses Gebot zunächst als persönliche Ermahnung, sich nicht auszuruhen – erst später erkannten spätere Chronisten darin auch eine leise Kritik an der alten Führung von Cybros, die sich, wie K'arax es formulierte, viel zu lange mit dem zufriedengegeben hatte, was bereits erreicht war.
3. Lerne aus der Vergangenheit.
Dieses Gebot trug unverkennbar die Handschrift dessen, was K'arax auf Cybros erlebt hatte, bevor er überhaupt zum Propheten wurde. Er forderte seine Anhänger nicht dazu auf, die Vergangenheit zu verklären oder sich in Reue über sie zu verlieren, sondern sie als Rohmaterial zu behandeln – als etwas, das man untersuchen müsse, um zu erkennen, welche Entscheidungen sich als tragfähig erwiesen hatten und welche nicht. Zugleich warnte er ausdrücklich davor, die Vergangenheit für unveränderlich zu halten in dem Sinn, dass man sich ihr ausgeliefert fühle. Man könne sie nicht ändern, aber man müsse sich nicht von ihr bestimmen lassen.
4. Sei offen für neue Ideen.
In den Wochen nach seiner Rückkehr aus der Dystopie begann K'arax, verstärkt mit den Anhängern der anderen Propheten das Gespräch zu suchen – mit Zalthors Anhängern über das Licht, mit Lyssandras über die Natur, sogar mit Vexors Jüngern über die Rolle der Technologie in einer Welt, die gerade erst begann, sich neu zu ordnen. Dieses vierte Gebot war, so berichten seine Chronisten, weniger eine allgemeine Ermahnung als eine sehr konkrete Reaktion auf diese Gespräche: die Erkenntnis, dass keine der fünf Lehren für sich allein ausreichte, um zu verstehen, was ihnen auf den neuen Planeten begegnete. Offenheit bedeutete für K'arax nicht Beliebigkeit, sondern die Bereitschaft, die eigenen festgefahrenen Überzeugungen an der Erfahrung anderer zu messen.
5. Suche nach Harmonie.
Ein Gebot, das auf den ersten Blick in Spannung zum ersten steht – wie verträgt sich das ständige Akzeptieren von Wandel mit dem Streben nach einem Zustand der Harmonie, der ja gerade Stabilität verspricht? K'arax selbst adressierte diesen scheinbaren Widerspruch, indem er Harmonie nicht als einen Endzustand beschrieb, den man einmal erreicht und dann für immer besitzt, sondern als ein fortlaufendes Austarieren – ein Gleichgewicht, das sich mit jeder Veränderung neu einstellen muss, so wie ein Körper beim Gehen ständig das Gleichgewicht verliert und wiederfindet, ohne dass man es als Sturz empfindet.
6. Verändere dein Denken.
Hier wird K'arax konkreter, als es viele der anderen Gebote erlauben. Er sprach explizit von den Denkmustern, die die Cyborgs von Cybros mitgebracht hatten – ihrem tief verwurzelten Glauben, jedes Problem lasse sich durch mehr Technologie, mehr Eingriff, mehr Kontrolle lösen. Genau dieses Denken, so K'arax, habe ihren Heimatplaneten zerstört, und genau dieses Denken drohe, sich auf den neuen Welten zu wiederholen, wenn man es nicht bewusst hinterfrage. Ein Geist, der sich nicht öffnen könne für die Möglichkeit, dass die eigenen Grundannahmen falsch seien, sei zu keinem echten Wandel fähig, selbst wenn er die ersten fünf Gebote äußerlich befolge.
7. Sei mutig.
K'arax verstand unter Mut nicht Tollkühnheit. Er selbst hatte lange gezögert, bevor er sich zum ersten Mal in die Dystopie hinabwagte, und er sprach offen davon, dass diese Furcht berechtigt gewesen sei. Mut, so seine Lehre, bedeute nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Bereitschaft, trotz der Angst zu handeln, wenn das Handeln notwendig sei – und ebenso die Weisheit, zu erkennen, wann ein Rückzug klüger war als ein weiterer Schritt. Dieses siebte Gebot trägt, mehr als jedes andere, die Spuren seiner eigenen letzten Expedition in sich, von der er, wie erwähnt, nie ganz vollständig erzählte, was er dort sah.
8. Teile dein Wissen.
Nach seiner Rückkehr begann K'arax, akribisch alles zu dokumentieren, was er über die Schleimschnecken, die Ulkus-Würmer und die Exoskelette in Erfahrung gebracht hatte – nicht um es für sich zu behalten, sondern ausdrücklich, um es an seine Anhänger weiterzugeben, selbst wenn ihm bewusst war, dass ein Teil dieses Wissens beunruhigend war. Er vertrat die Überzeugung, dass zurückgehaltenes Wissen eine Gemeinschaft schwäche, weil es Einzelne mit einer Last allein lasse, die eigentlich von vielen getragen werden sollte.
9. Bewahre die Natur.
Wenig überraschend, dass ausgerechnet K'arax, der am tiefsten in die zerstörerischste, unnatürlichste Zone der neuen Heimat vorgedrungen war, zu einem der eindringlichsten Fürsprecher des Naturschutzes wurde. Er sah in der Dystopie ein Menetekel: eine Warnung, wie eine Welt aussehen kann, wenn man sie lange genug ignoriert oder ausbeutet. Sein neuntes Gebot war eine direkte Lehre aus dem Untergang von Cybros, übersetzt in eine Verpflichtung gegenüber der neuen Heimat, bevor sie denselben Weg nehmen konnte.
10. Entwickle Empathie.
Hier findet sich eine der persönlichsten Passagen in den überlieferten Mitschriften. K'arax sprach davon, dass er, als er den leidenden, von Ulkus-Würmern zerfressenen Schleimschnecken begegnete, zum ersten Mal seit Langem ein Mitgefühl empfunden habe, das ihn selbst überraschte – Mitgefühl für ein Wesen, das keinerlei Ähnlichkeit mit ihm besaß, weder biologisch noch technologisch. Er machte daraus die Lehre, dass echte Empathie sich gerade nicht auf das Vertraute beschränken dürfe, sondern sich am ehesten dort bewähre, wo einem ein Wesen begegnet, das einem vollkommen fremd erscheint.
11. Sei geduldig.
Ein Gebot, das in scheinbarem Widerspruch zum siebten – „Sei mutig" – zu stehen scheint, tatsächlich aber dessen notwendige Ergänzung bildet. K'arax hatte in der Dystopie gelernt, dass übereiltes Handeln, das vorschnelle Eindringen in unbekanntes Terrain, verheerende Folgen haben konnte. Geduld bedeutete für ihn nicht Untätigkeit, sondern die Fähigkeit, den richtigen Moment für eine Handlung von einem Moment zu unterscheiden, in dem dieselbe Handlung nur Schaden anrichtete.
12. Erkenne deine Stärken und Schwächen.
K'arax verlangte von seinen Anhängern eine Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, die er, wie mehrere Chronisten festhalten, an sich selbst besonders hart durchsetzte. Er sprach offen davon, dass seine eigene Neugier – seine größte Stärke, jene Eigenschaft, die ihn zum Propheten des Wandels gemacht hatte – zugleich seine gefährlichste Schwäche war, weil sie ihn immer wieder dazu trieb, weiterzugehen, als es klug gewesen wäre.
13. Sei achtsam.
Dieses Gebot, das dreizehnte in der Zählung, wird von manchen späteren Lesern der Chroniken als das am meisten unterschätzte angesehen, weil es auf den ersten Blick wie eine bloße Wiederholung allgemeiner Weisheit klingt. Im Kontext der Dystopie und der beobachtenden Augenfragmente gewinnt es jedoch eine konkretere Bedeutung: K'arax warnte davor, sich in einer fremden, kaum verstandenen Umgebung zu bewegen, ohne sich der Wirkung des eigenen Handelns auf diese Umgebung bewusst zu sein. Man wisse nie, so seine Formulierung, wessen Ruhe man störe, wenn man an einen Ort trete, an dem man selbst der Fremde sei.
14. Vertraue auf den Wandel.
Anders als das erste Gebot, das den Wandel als etwas beschreibt, das man aushalten muss, spricht dieses vierzehnte von einem tieferen, fast schon religiösen Vertrauen darauf, dass Wandel letztlich zum Guten führe, auch wenn der Prozess selbst schmerzhaft sei. K'arax stellte hier eine Verbindung zu den deformierten Schleimschnecken her, die trotz ihrer Leiden über Generationen hinweg Resistenzen entwickelten – ein biologischer Beweis, wie er es nannte, dass selbst aus dem größten Leid etwas Neues, Widerstandsfähigeres entstehen könne, wenn man dem Prozess Zeit gebe.
15. Lebe im Hier und Jetzt.
Das letzte Gebot bildet einen bewussten Gegenpol zu den vierzehn davor, die sich fast alle auf Vergangenheit oder Zukunft beziehen – auf das Lernen aus dem Gewesenen, das Streben nach dem Kommenden. K'arax, der selbst so sehr in den Schrecken der Vergangenheit und den Sorgen um die Zukunft seiner Gemeinschaft gefangen war, mahnte am Ende ausgerechnet dazu, den gegenwärtigen Moment nicht zu verlieren. Es ist, wie mehrere seiner Jünger festhielten, das Gebot, das ihm selbst am schwersten fiel zu befolgen – und vielleicht gerade deshalb das, auf das er am eindringlichsten bestand.
III. Die Überlieferung der Aelara — Der Reisende zwischen den Sternen
Von den vier Fassungen, die über den Ursprung der pilzartigen Schleimschnecken kursieren, ist die der Hohepriesterin Aelara diejenige, die am wenigsten Trost spendet – und zugleich diejenige, die in ihren Details am genauesten ausgearbeitet ist, was manche Chronisten als Hinweis darauf deuten, dass Aelara selbst über zusätzliche Quellen verfügte, die den anderen Jüngern nicht zugänglich waren.
Am Anfang steht, wie in fast allen Fassungen, der Urwald – dicht, feucht, von einem gedämpften, grünlichen Licht durchzogen, das nie ganz zur Dunkelheit und nie ganz zum Tag wurde. Die Schleimschnecken, die dort lebten, waren, so beschreibt Aelara sie, von einer Schönheit, die man erst erkannte, wenn man sich von ihrem befremdlichen Äußeren nicht abschrecken ließ: Ihre transparenten Körper brachen das Licht in feine, sich ständig verschiebende Farbmuster, und wenn man ganz still stand, konnte man beobachten, wie sich ihre Myzelnetze langsam durch das Unterholz ausbreiteten, verbunden mit den Wurzeln der ältesten Bäume, als wäre der gesamte Wald ein einziger, atmender Organismus.
In diesen Wald kam, so erzählt es Aelara, ein Wesen, das nicht von den drei Planeten stammte und auch nicht von Cybros. Sie beschreibt ihn nicht mit Namen, nur als „der Reisende" – eine Gestalt, deren Schiff ohne Vorwarnung am Rand des Urwalds landete, lautlos, ohne die Erschütterung, die man von der Landung eines so großen Objekts erwartet hätte. Wer oder was genau dieser Reisende war, lässt die Überlieferung bewusst offen. Manche spätere Leser haben darin eine verschlüsselte Erinnerung an die Cyborgs selbst vermutet, an ihre eigene Ankunft durch die Tube, gespiegelt und von außen erzählt. Andere lesen es wörtlicher: als Bericht über eine tatsächlich fremde, den Cyborgs überlegene Zivilisation, die den Kosmos schon lange bereiste, als die Cyborgs noch dabei waren, ihren eigenen Planeten zu zerstören.
Der Reisende, so Aelara, beobachtete den Wald zunächst nur. Tagelang, vielleicht wochenlang bewegte er sich am Rand der Bäume, ohne einzugreifen, ohne sich den Bewohnern zu zeigen – bis er begann, einzelne Schleimschnecken einzusammeln. Nicht wahllos, betont Aelara in ihrer Chronik, sondern mit einer Sorgfalt, die fast wissenschaftlich wirkte: Er schien gezielt jene Exemplare auszuwählen, die die stärksten Anzeichen von Deformation und parasitärem Befall trugen – jene Kreaturen also, die am meisten gelitten hatten und, gerade deshalb, am meisten über die Grenzen dessen wussten, was ein Körper ertragen konnte, bevor er zerbrach.
Er brachte sie an Bord seines Schiffes, in Behältnisse, die Aelara als „Kammern aus Licht" beschreibt – durchscheinende, in sich leuchtende Räume, in denen die Schleimschnecken weder litten noch sich frei bewegen konnten, gefangen in einem Zustand, der weder Gefangenschaft noch Fürsorge war, sondern etwas Drittes, für das die Sprache der Cyborgs kein Wort hatte. Und dann verteilte er sie – Planet um Planet, Mond um Mond, über eine Vielzahl von Welten, deren Namen in der Chronik nicht überliefert sind, weil Aelara sie, wie sie selbst schreibt, nie erfahren hat. Er setzte sie aus, beobachtete, wie sie sich in kalten Wüsten, in dichten Nebelmooren, in unterirdischen Höhlensystemen ohne jedes Licht verhielten, und zog weiter, ohne jemals zurückzukehren, um das Ergebnis seiner Experimente zu prüfen.
Was Aelara an dieser Stelle ihrer Erzählung besonders betont – und was sie von den anderen drei Überlieferungen deutlich unterscheidet – ist die Frage nach dem Warum. Während Thalgar, Rynax und Sylara die Ausbreitung der Schleimschnecken letztlich als etwas Natürliches, fast Zwangsläufiges beschreiben, bleibt bei Aelara die Ausbreitung ein Akt fremden Willens, dessen Motiv im Dunkeln bleibt. War der Reisende ein Wissenschaftler, der schlicht verstehen wollte, wie weit die Anpassungsfähigkeit eines Organismus reichen kann? War er, wie manche spätere Kommentatoren vermuteten, selbst ein Wesen, das einst ähnliche Deformationen erlitten hatte und in den Schleimschnecken eine Art Spiegel seiner eigenen Vergangenheit suchte? Oder war es, was Aelara am eindringlichsten und zugleich am unbequemsten andeutet, etwas noch Kälteres: dass der Kosmos selbst, in seiner schieren Weite, keine Erklärung schuldet für das, was er mit den Wesen anstellt, die ihn bevölkern – dass Leiden verstreut wird, ohne dass irgendjemand dafür zur Rechenschaft gezogen werden muss.
Aelara selbst, so berichten es ihre eigenen Schüler, fand nie eine endgültige Antwort auf diese Frage, und sie hielt es, anders als viele andere religiöse Führerinnen ihrer Zeit, nicht für nötig, eine zu erfinden. Ihr Bericht endet mit einem Satz, der in seiner Kargheit fast schmerzt: „Die Schleimschnecken erwiesen sich als äußerst robust." Kein Trost, keine Erlösung, keine Moral – nur die nüchterne Feststellung, dass etwas überlebte, das nicht hätte überleben sollen, verstreut über einen Kosmos, der sich nicht dafür interessierte, ob es überlebte oder nicht.
Was aus dieser Version der Geschichte in den späteren, tröstlicheren Fassungen wurde – etwa der Aufspaltung in Schnecken und Pilze bei Rynax und Sylara, die daraus eine beinahe versöhnliche Erzählung von Anpassung und neuem Gleichgewicht machten –, lässt sich als der Versuch verstehen, dem, was Aelara ungeschönt festhielt, im Nachhinein einen Sinn zu geben. Vielleicht ist das die eigentliche Funktion, die eine Legende gegenüber der nüchternen Chronik erfüllt: nicht, die Wahrheit zu verändern, sondern sie erträglicher zu machen, ohne sie zu verraten.
Ob der Reisende jemals zurückkehrte, um zu sehen, was aus seinen über den Kosmos verstreuten Versuchsobjekten geworden war, hält keine der überlieferten Fassungen fest. Aelaras letzte Zeilen zu diesem Thema, die sich in einem einzigen erhaltenen Fragment finden, lauten: „Vielleicht beobachtet er noch immer. Vielleicht ist das Beobachten selbst schon seine einzige Absicht gewesen." Ein Satz, der, liest man ihn im Licht dessen, was K'arax in der Dystopie über die niemals ruhenden Augenfragmente berichtete, eine Verbindung nahelegt, die keiner der Chronisten explizit gezogen hat – aber vielleicht auch nicht ziehen musste, weil sie sich jedem, der beide Geschichten kennt, von selbst aufdrängt.
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