Seht die Welt durch meine Augen
Die Geschichte einer Welt die nicht unsere ist
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Die Chronik von M67 — Teil 10
Die fröhlichen Jahre: Poselkow nach dem Krieg
I. Ein Netz, das trug
Wenn man mit den wenigen noch lebenden ehemaligen Poselkowern spricht – und es sind, wie diese Chronik bereits mehrfach festgehalten hat, nur noch wenige –, dann fällt auf, wie unterschiedlich sich ihre Erinnerungen an die DDR-Jahre färben, je nachdem, wonach man fragt. Fragt man nach der Zeit vor der Devastierung, nach den Funktionären, nach dem, was sich hinter verschlossenen Türen abspielte, hört man Vorsicht, Ironie, manchmal bittere Auslassungen. Fragt man jedoch nach den ganz alltäglichen Dingen – nach der Kinderbetreuung, nach dem Ferienlager, nach dem, wie das Dorf sich anfühlte, wenn man als Kind darin aufwuchs –, verändert sich der Tonfall spürbar, wird wärmer, offener, manchmal fast sehnsüchtig, ganz gleich, welche politische Meinung die jeweilige Person heute vertritt.
Poselkow verfügte, wie die meisten Dörfer und Kleinstädte der DDR, spätestens seit den frühen 1960er Jahren über ein flächendeckendes Netz aus Krippen und Kindergärten, in dem Kinder ab dem Säuglingsalter betreut wurden, während ihre Eltern arbeiteten – ein System, das den Eltern nur einen geringen, staatlich festgelegten Betrag abverlangte und das, wie es eine ehemalige Poselkowerin in einem 1998 geführten Interview für das bereits erwähnte Heimatprojekt formulierte, „uns Frauen erst wirklich zu Menschen mit eigenem Geld gemacht hat, nicht nur zu Anhängseln unserer Männer". Fast alle Frauen des Dorfes gingen einer eigenen Erwerbstätigkeit nach – in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, in der Seifenfabrik Müller, in der Schule, im Konsum – und verfügten damit über eine finanzielle Eigenständigkeit, die, wie dieselbe Zeitzeugin es formulierte, „in meiner eigenen Mutter Generation noch undenkbar gewesen wäre".
Besonders lebhaft in der kollektiven Erinnerung geblieben sind die Kinderferienlager, in die Poselkower Kinder, wie überall in der DDR, während der Sommerferien für jeweils zwei bis drei Wochen geschickt wurden – organisiert über die Betriebe der Eltern oder über die Pionierorganisation, untergebracht meist in einfachen, aber liebevoll geführten Lagerbaracken irgendwo im Thüringer Wald, an der Ostseeküste oder, wie noch zu berichten sein wird, in den dichten Wäldern der eigenen, näheren Umgebung. Von diesen Lagern erzählen ehemalige Poselkower bis heute mit einem Leuchten in den Augen, das kaum ein anderes Thema der Ortsgeschichte hervorruft – Lagerfeuer, Nachtwanderungen, die erste heimliche Liebe, das Gefühl, für ein paar Wochen einer eigenen kleinen Gemeinschaft anzugehören, fernab der Aufsicht der eigenen Eltern und doch, wie mehrere Zeitzeugen betonen, „nie wirklich unbeaufsichtigt".
Auch die materiellen Grundlagen des täglichen Lebens waren, wie es die Ortschronik in einem knappen, fast listenhaften Abschnitt zusammenfasst, auf eine Weise abgesichert, die sich aus heutiger Perspektive fast utopisch liest: Grundnahrungsmittel, Mieten, Fahrkarten für den Nahverkehr und Bücher waren so stark subventioniert, dass sie für praktisch jeden Haushalt erschwinglich blieben, unabhängig vom tatsächlichen Einkommen. Es ist in diesem Zusammenhang, dass sich in den erhaltenen Unterlagen der Familie Kieseling ein kleines, auf den ersten Blick unbedeutendes Dokument findet, das für diese Chronik jedoch von besonderem Interesse ist: Klaus Peter Kieselings eigene Bibliothekskarte aus der Poselkower Dorfbücherei, datiert auf die Jahre 1968 bis 1972, mit einer handschriftlichen Liste der von ihm ausgeliehenen Bücher auf der Rückseite – eine Liste, die, wie ein späterer Vermerk Klaus Peters selbst festhält, „mich mehr über mich selbst gelehrt hat als jedes psychologische Gutachten es je könnte".
Die Liste ist auffällig einseitig: Bücher über nordamerikanische Indianervölker, meist in der für die DDR typischen, romantisierenden Verarbeitung dieses Themas, die sich zwischen ethnografischem Interesse und ideologisch gefärbter Sympathie für „unterdrückte Völker im Kampf gegen den Imperialismus" bewegte; daneben Erzählungen über Freiheitskämpfer aus aller Welt, von südamerikanischen Unabhängigkeitshelden bis zu afrikanischen Antikolonialisten, ebenfalls in der ideologisch geprägten, aber für ein Kind seiner Zeit dennoch faszinierenden Aufbereitung, wie sie DDR-Verlage in großer Zahl produzierten. „Ich habe als Kind", schreibt Klaus Peter dazu in einer seiner späten Notizen, „offenbar schon eine Vorliebe für Menschen entwickelt, die anderswo lebten, anders aussahen, anders dachten als wir – und ich frage mich heute, ob das schon ein erster, kindlicher Ausläufer dessen war, was mich Jahrzehnte später nachts nach M67 trug, oder ob es einfach das war, was jedem Kind seiner Zeit in die Hand gedrückt wurde, ohne besondere Bedeutung."
II. War das nur ein Trugbild?
Es ist diese Frage, die Klaus Peter selbst am eindringlichsten stellt, und die auch diese Chronik nicht abschließend beantworten kann, ohne ihrem eigenen Anspruch auf Redlichkeit untreu zu werden. „Es war", schreibt er in einer seiner letzten, vor seinem Verschwinden verfassten Reflexionen, „das letzte Mal, dass ich den Zusammenhalt in unserer Nachbarschaft als eng und tragend empfunden habe – dass ich das Gefühl hatte, jeder im Dorf würde auf jeden achten, dass ein Kind, das auf der Straße stürzte, von der nächstbesten Nachbarin aufgehoben wurde, egal wessen Kind es war. Und ich frage mich bis heute, ob das ein echtes Gefühl war oder ob es nur so aussah, weil ich zu jung war, um zu sehen, was diesen Zusammenhalt möglicherweise erzwang."
Er beantwortet diese Frage nicht mit einer eindeutigen Position, sondern mit einer für ihn charakteristischen Doppeldeutigkeit, die sich, liest man seine übrigen Aufzeichnungen, durch sein ganzes Leben zieht: Er hält fest, dass die Nachbarschaftshilfe, die geteilten Ferienlagerfreundschaften, die gemeinsam organisierten Erntedankfeste und Eierfeste für ihn als Kind real und warm waren, ohne jeden Zweifel – und dass er gleichzeitig, im Rückblick, nicht ausschließen kann, dass ein Teil dieses Zusammenhalts auch aus einem Klima der gegenseitigen Beobachtung erwuchs, in dem man einander half, aber auch einander im Blick behielt, in einer Weise, die sich, wie er es vorsichtig formuliert, „im Nachhinein nicht mehr sauber von dem trennen lässt, was man später über das Sonderreferat und die Kompartimentierung ganzer Nachbarschaften erfuhr". Er zieht daraus keine abschließende Verurteilung, sondern lässt die Frage bewusst offen – „vielleicht", schreibt er, „war es beides zugleich, echte Wärme und ein System, das diese Wärme auch für seine eigenen Zwecke nutzte, und vielleicht schließt sich das nicht einmal aus."
III. Klaus Peter Kieselings Tagebuch: Kinderferienlager „Junge Pioniere", August 1970
Unter den Unterlagen, die nach Klaus Peters Verschwinden zusammengetragen wurden, befand sich, in einem separaten, mit Kinderhandschrift beschrifteten Schulheft, ein Tagebuch, das er im Alter von neun Jahren während eines dreiwöchigen Aufenthalts in einem Kinderferienlager führte – einem Lager, das, wie eine spätere Randnotiz in Erwachsenenschrift vermerkt, „keine zwölf Kilometer vom Poselkower Forst entfernt" in einem Waldgebiet der weiteren Umgebung lag. Die Einträge sind, wie es sich für ein neunjähriges Kind gehört, unregelmäßig, voller Rechtschreibfehler, die hier der Lesbarkeit halber stillschweigend korrigiert wurden, und mitunter sprunghaft zwischen belanglosen und, im Licht des später Bekannten, höchst bedeutsamen Beobachtungen wechselnd.
3. August. Heute angekommen. Unser Zimmer hat 6 Betten, ich schlafe neben Matthias aus Gräfenhainichen, der schon zum dritten Mal hier ist und alles kennt. Es gibt einen See zum Baden und einen großen Wald. Zum Abendessen gab es Bratkartoffeln.
7. August. Heute waren wir im Wald Pilze suchen für den Koch. Matthias hat mir gezeigt, welche man essen darf. Wir haben aber auch welche gefunden, die er noch nie gesehen hat – ganz glänzend und irgendwie durchsichtig, wie aus Gelee. Der Betreuer hat gesagt, das sind bestimmt Schleimpilze und man soll sie nicht anfassen. Ich hab trotzdem einen mit einem Stock angestupst. Er hat sich bewegt, glaube ich. Matthias sagt, das bilde ich mir ein.
9. August. Die glänzenden Pilze waren heute an einer ganz anderen Stelle als vorher. Ich hab es dem Betreuer gesagt aber er hatte keine Zeit, weil wir zum Baden mussten.
14. August. HEUTE WAR NACHTWANDERUNG!! Wir sind alle mit Fackeln los, sehr spät, ich durfte fast bis Mitternacht wach bleiben. Der Wald war ganz anders im Dunkeln, gar nicht gruselig, eher aufregend. Wir haben ein Lied gesungen und dann sollten wir alle ganz still sein und in den Himmel schauen, weil Genosse Betreuer Fischer gesagt hat, man kann Sternschnuppen sehen im August.
Ich habe wirklich was gesehen, aber ich glaube keine Sternschnuppe. Es waren drei Lichter, ganz nah beieinander, in einem Dreieck, und sie haben sich bewegt, aber nicht so wie ein Flugzeug, viel langsamer, und ohne Geräusch, und dann sind sie auf einmal alle drei gleichzeitig weg gewesen, nicht weggeflogen, einfach weg. Ich hab Matthias angestupst aber er hat schon fast geschlafen im Stehen.
Genosse Betreuer Fischer hat gesagt, das war bestimmt ein Wetterballon oder ein Nachtflug von der Fluggesellschaft. Aber er hat komisch geguckt dabei, so wie mein Opa manchmal guckt, wenn er was nicht sagen will.
15. August. Ich konnte heute Nacht nicht schlafen. Ich hab aus dem Fenster geschaut und wieder was gesehen, viel kürzer diesmal, nur ein Aufleuchten am Waldrand, so als würde jemand da unten mit einer Taschenlampe winken, aber viel heller und in einer Farbe die ich nicht genau beschreiben kann, nicht ganz blau und nicht ganz grün. Am nächsten Morgen waren an der Stelle, wo ich das Licht gesehen hab, wieder von den glänzenden Pilzen, viel mehr als vorher, ein ganzer Kreis davon, so als hätte da jemand im Kreis getanzt.
16. August. Ich hab Genosse Betreuer Fischer heute gefragt ob es sein kann dass die Lichter und die glänzenden Pilze zusammenhängen. Er hat erst gelacht, aber dann hat er sich neben mich gesetzt und gesagt, ich soll darüber nicht mit den anderen Kindern reden, weil manche Angst kriegen könnten, und dass er sich das auch schon gefragt hat, aber dass Erwachsene manchmal Dinge sehen die sie sich nicht erklären können und dass das nicht schlimm ist, man muss nur cool bleiben. Er hat „cool bleiben" gesagt, das fand ich komisch weil das kein Wort ist das die Erwachsenen sonst benutzen.
20. August. Fast keine Pilze mehr gefunden die letzten Tage, Matthias sagt vielleicht sind sie weggeschwemmt vom Regen. Ich glaube das nicht ganz, aber ich hab aufgehört danach zu suchen weil es mir komisch vorkommt im Wald jetzt.
23. August. Heute letzter Tag. Es war die schönste Ferienzeit die ich je hatte, auch mit den komischen Sachen im Wald, oder vielleicht gerade deswegen. Ich hab Genosse Betreuer Fischer zum Abschied gefragt ob wir nächstes Jahr wieder in dasselbe Lager kommen. Er hat gesagt das entscheidet der Betrieb von meinem Vater, nicht er. Dann hat er noch gesagt, ich soll die Augen offen halten, auch wenn ich groß bin. Ich weiß nicht warum er das gesagt hat.
Das Tagebuch endet mit diesem letzten Eintrag. Was aus „Genosse Betreuer Fischer" wurde, ob er identifizierbar ist und ob er noch lebt, ließ sich im Rahmen der für diese Chronik zugänglichen Quellen nicht klären – ebenso wenig wie die Frage, ob es sich bei den von ihm gebrauchten Formulierungen um reine Beruhigung eines aufgeregten Kindes handelte oder um etwas, das er selbst, wie es Klaus Peter später in einer Randbemerkung vermutete, „vielleicht besser verstand, als er einem Neunjährigen gegenüber zugeben wollte".
Was diese Chronik jedoch mit einiger Sicherheit festhalten kann, ist die zeitliche Einordnung: Klaus Peter Kieseling begegnete den pilzartigen Schleimschnecken und, wie es scheint, einer ersten kosmischen Erscheinung bereits im August 1970 – fünf Jahre vor jener Julinacht 1975, in der sein Großvater Gotthold die Gestalt in der Poselkower Kirche fotografierte, und mehr als ein Jahrzehnt, bevor Klaus Peter selbst begann, sich bewusst an M67 zu „erinnern". Es ist eine der bemerkenswertesten und zugleich am wenigsten auflösbaren Fragen dieser gesamten Chronik, ob ein neunjähriger Junge, der eine Ferienlager-Nachtwanderung erlebte, tatsächlich zum ersten, unbewussten Berührungspunkt einer Familiengeschichte wurde, die sich über drei Generationen hinweg weiterspann – oder ob er, wie es die nüchternste aller Lesarten nahelegt, einfach das sah, was Kinder in dunklen Wäldern schon immer gesehen haben: Licht, das sich zu Geschichten fügt, lange bevor man weiß, welche Geschichte man eigentlich erzählt.
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