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Die Chronik von M67 — Teil 9
Die Alteingesessenen: Drei Poselkower Familien zwischen Zunft und Sozialismus
Vorbemerkung
Nicht jede Geschichte, die sich um Poselkow rankt, hat mit Cyborgs, Schleimschnecken oder geheimen Bunkern zu tun. Ein Dorf besteht in erster Linie aus den Menschen, die darin ihr Brot buken, ihre Seife sotten und ihre Meinung sagten, ob es der jeweiligen Obrigkeit passte oder nicht – und Poselkow, das über Jahrhunderte hinweg trotz seiner geringen Größe eine erstaunliche Zahl solcher Charaktere hervorbrachte, ist darin keine Ausnahme. Drei Familien haben sich, wie die überlieferte Ortschronik und die noch greifbaren mündlichen Erinnerungen ehemaliger Bewohner übereinstimmend zeigen, besonders tief in das kollektive Gedächtnis des Dorfes eingeschrieben: die Nachfahren Anna von Gräfenhainichens, die Seifenfabrikantenfamilie Müller und die Bäckerdynastie von Euten. Was sie verbindet, ist nicht nur ihre lange Präsenz im Ort, sondern die besondere Kunst, mit der sie sich – jede auf ihre eigene, unverwechselbare Weise – durch vierzig Jahre DDR-Wirtschaftspolitik hindurchmanövrierten, ohne dabei weder ihre wirtschaftliche Selbständigkeit noch ihren Humor vollständig zu verlieren.
I. Anna von Gräfenhainichen und ihre unbequemen Enkelinnen
Anna von Gräfenhainichen, geboren 1834 als Tochter eines Poselkower Landarbeiters, gestorben 1901, gehört zu jenen Persönlichkeiten der Ortsgeschichte, deren Nachruhm sich, wie es bei Sozialreformerinnen des 19. Jahrhunderts nicht selten geschah, im 20. Jahrhundert auf eine Weise fortsetzte, die ihr selbst vermutlich einiges Kopfschütteln bereitet hätte. Anna hatte sich, so die überlieferte Ortschronik, bereits als junge Frau in den 1850er Jahren für bessere Arbeitsbedingungen in den örtlichen Fabriken eingesetzt – unter anderem, wie sich aus mehreren unabhängigen Quellen belegen lässt, ausgerechnet in der Seifenfabrik jenes Friedrich Müller, von dem im nächsten Abschnitt die Rede sein wird, was den beiden Familien schon im 19. Jahrhundert eine Verbindung bescherte, die sich über die Generationen in wechselnder Herzlichkeit fortsetzen sollte.
Als die DDR 1949 gegründet wurde und die neue Staatsdoktrin dringend nach vorzeigbaren einheimischen Vorläufern der Arbeiterbewegung suchte, wurde Anna von Gräfenhainichen posthum zu einer Art Lokalheiliger des Sozialismus erklärt – eine Ehrung, die, wie die Ortschronik mit trockenem Humor vermerkt, „historisch nicht ganz astrein war, da Anna selbst zeitlebens weit mehr Wert auf konkrete Verbesserungen wie kürzere Arbeitszeiten und sauberes Trinkwasser legte als auf jede Form großer ideologischer Systeme". Das hinderte den Rat des Kreises nicht daran, 1959 eine Straße nach ihr zu benennen und 1962 eine bescheidene Büste vor dem Kulturhaus aufzustellen, deren Enthüllung, wie mehrere Zeitzeugen unabhängig voneinander berichten, zu einem der denkwürdigsten Vorfälle der Poselkower Nachkriegsgeschichte wurde.
Annas Urenkelin, Ottilie von Gräfenhainichen, geboren 1921, hatte zu diesem Zeitpunkt die Bewahrung des Familienerbes bereits seit Jahren als eine Art Lebensaufgabe betrachtet – allerdings auf eine Weise, die den Funktionären des Rates des Kreises regelmäßig die Zornesröte ins Gesicht trieb. Ottilie, so überliefert es die Ortschronik in einer ihrer ausführlichsten und offensichtlich mit sichtlichem Vergnügen verfassten Passagen, erschien zur feierlichen Enthüllung der Büste in einem Kleid, das exakt der Mode der 1850er Jahre nachempfunden war, und hielt eine kurze, betont unpolitische Rede, in der sie mehrfach betonte, ihre Urgroßmutter habe sich „für bessere Löhne eingesetzt, nicht für bessere Reden" – ein Satz, der unter den anwesenden Parteifunktionären für sichtliches Unbehagen sorgte, beim übrigen, mehrheitlich belustigten Publikum jedoch, wie es in einem zeitgenössischen, im Ortsarchiv erhaltenen privaten Brief heißt, „für den größten Lacher seit dem letzten Erntedankfest" sorgte.
Ottilie weigerte sich zeitlebens beharrlich, der SED beizutreten, was ihr, da sie selbst keiner regulären Erwerbstätigkeit im eigentlichen Sinne nachging, sondern von einer kleinen Landwirtschaft sowie, wie mehrere Anekdoten übereinstimmend berichten, gelegentlichen „Vorträgen über die wahre Anna" in umliegenden Kulturhäusern lebte, überraschend wenig praktische Schwierigkeiten bereitete – ein Umstand, den sich örtliche Chronisten später nur damit erklärten, dass die Kreisleitung es für klüger hielt, die unbequeme Nachfahrin der offiziell verehrten Vorkämpferin nicht allzu offensichtlich zu drangsalieren, wollte man sich nicht dem Vorwurf aussetzen, die eigene proletarische Ahnengalerie selbst zu beschädigen. Ottilie nutzte diese eigentümliche Immunität, wie es mehrere Anekdoten in der Ortschronik mit unverhohlener Sympathie festhalten, ausgiebig: Bei der zwanzigjährigen Wiederkehr der Büstenenthüllung 1982 soll sie, mittlerweile über sechzig Jahre alt, der versammelten Festgesellschaft in aller Ruhe erklärt haben, ihre Urgroßmutter „würde sich im Grabe umdrehen, wüsste sie, dass man in ihrem Namen inzwischen mehr Reden hält als Löhne zahlt" – ein Satz, der, wie die Chronik vermerkt, „noch Jahre später auf dem Poselkower Eierfest zitiert wurde, meist mit einem vielsagenden Grinsen".
Ottilie verließ Poselkow im Zuge der Umsiedlung 1984 zusammen mit den übrigen Bewohnern und starb 1993 in einem Altersheim bei Gräfenhainichen, jener Stadt, die ihrer Familie einst den Namen gegeben hatte. Ihre Nachfahren – eine Tochter und zwei Enkelinnen – leben heute, soweit sich dies aus verstreuten Hinweisen rekonstruieren lässt, in der Region zwischen Wittenberg und Leipzig; eine der Enkelinnen, so ein Hinweis in einer späteren Randnotiz zur Ortschronik, habe sich beruflich der Regionalgeschichte zugewandt und in den frühen 2000er Jahren gelegentlich im Kreisarchiv Wittenberg gearbeitet – womit sie, ohne dass sich dies zweifelsfrei belegen ließe, möglicherweise für kurze Zeit Kollegin jenes Klaus Peter Kieseling gewesen sein könnte, der dort im selben Zeitraum auf die Akte seines eigenen Großvaters stieß. Ob sich beide je begegneten und, wenn ja, ob sie voneinander wussten, wer der jeweils andere in Wahrheit war, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht mehr klären – ein weiteres jener kleinen, ungeklärten Zufälle, von denen diese Chronik reichlich zu berichten weiß.
II. Friedrich Müller und die Seife, die den Sozialismus überlebte
Die Seifenfabrik Müller, gegründet der Überlieferung nach bereits in den 1820er Jahren vom ersten Friedrich Müller, hatte sich über mehrere Generationen zu einem der wenigen nennenswerten Industriebetriebe im ansonsten von Landwirtschaft geprägten Poselkow entwickelt. Die Familie, so berichtet die Ortschronik, „wechselte den Vornamen Friedrich mit einer Beharrlichkeit von Generation zu Generation weiter, die manchen Ortschronisten schon in den 1920er Jahren zur Verzweiflung trieb, weil sich in den Kirchenbüchern kaum noch unterscheiden ließ, von welchem Friedrich Müller gerade die Rede war."
Der für unsere Geschichte entscheidende Friedrich Müller, geboren 1908, Urenkel des Firmengründers, übernahm den Betrieb 1936 und führte ihn, allen politischen Umwälzungen der folgenden Jahrzehnte zum Trotz, mit bemerkenswerter Zählebigkeit bis in die 1970er Jahre. Als die DDR-Führung in den frühen 1970er Jahren im Zuge der sogenannten „Aktion Kap. XI" die überwiegende Mehrheit der noch verbliebenen kleinen und mittleren Privatbetriebe zwangsverstaatlichte oder zu halbstaatlichen Betrieben umformte, entging die Seifenfabrik Müller diesem Schicksal – nicht durch besonderen politischen Rückhalt, sondern, wie eine im Ortsarchiv erhaltene, mit unverkennbarem Vergnügen verfasste Anekdote berichtet, durch eine Mischung aus bürokratischem Glück und Friedrich Müllers eigener Hartnäckigkeit.
Der zuständige Wirtschaftsfunktionär des Kreises, so die Anekdote, sei mehrfach in der Fabrik erschienen, um die „Überführung in Volkseigentum" zu verhandeln, habe sich jedoch jedes Mal, wie es in der Chronik mit unverhohlener Freude am Detail heißt, „mit einem Geschenkpaket der besten Lavendelseife der Fabrik wieder verabschiedet, ohne dass die eigentliche Verhandlung je zu einem Ergebnis kam" – eine Praxis, die Friedrich Müller über Jahre so konsequent fortsetzte, dass die Fabrik schließlich, formal als „Betrieb mit staatlicher Beteiligung" geführt, in der Praxis jedoch weitgehend eigenständig weiterarbeitete, weil, wie es ein ehemaliger Mitarbeiter später scherzhaft formulierte, „der Genosse Kreisplaner lieber gute Seife roch, als sich mit den Einzelheiten der Planübererfüllung herumzuärgern".
Die eigentliche unternehmerische Kunst Friedrich Müllers zeigte sich jedoch weniger in der Kunst der Bestechung durch Duftstoffe als in seiner Fähigkeit zur Improvisation unter den chronischen Rohstoffengpässen der DDR-Planwirtschaft. Tierische und pflanzliche Fette, der Grundstoff jeder Seifenherstellung, waren über weite Strecken der 1970er und 1980er Jahre nur unregelmäßig und in unzureichender Menge über die offiziellen Kanäle zu beziehen. Müller, so berichten mehrere übereinstimmende Anekdoten, unterhielt zu diesem Zweck ein informelles, weitreichendes Netzwerk von Tauschbeziehungen zu umliegenden Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, denen er im Austausch für überschüssiges Schlachtfett gelegentlich „ein paar Kisten Seife für die Brigade" zukommen ließ – eine Praxis, die, wenn sie im strengen Sinne der Planwirtschaft ohnehin schon eine Grauzone darstellte, spätestens dann komisch wurde, als sich herausstellte, dass mindestens zwei der beteiligten LPG-Vorsitzenden die auf diese Weise erworbene Seife wiederum, wie es in einer Randnotiz der Chronik trocken heißt, „selbst gegen dringend benötigte Ersatzteile für ihre Mähdrescher eintauschten" – ein Kreislauf informeller Tauschgeschäfte, der sich, einmal in Gang gesetzt, über die Grenzen mehrerer Kreise hinweg fortsetzte, ohne dass eine einzige Mark der offiziellen Planwirtschaft dabei den Besitzer wechselte.
Als sich in den frühen 1980er Jahren die endgültige Devastierung Poselkows durch den Tagebau Golpa-Nord abzeichnete, verhandelte Friedrich Müller – zu diesem Zeitpunkt bereits weit über siebzig – mit einer Beharrlichkeit, die seine eigene Familie später als „das letzte große Gefecht des alten Mannes" bezeichnete, um eine Fortführung der Produktion an anderer Stelle. Die staatlichen Stellen, so die Chronik, zeigten wenig Interesse an der Rettung eines derart kleinen Betriebs, und Müller selbst starb 1985, ein knappes Jahr nach der endgültigen Räumung des Dorfes, ohne die geplante Neugründung der Fabrik noch selbst erlebt zu haben. Es war sein Enkel, Friedrich Müller der Jüngere, geboren 1952, der das alte Familienrezept – nach eigener Aussage handschriftlich auf einem einzigen, im Familienbesitz verbliebenen Zettel überliefert – nach der Wiedervereinigung wieder aufgriff und 1993 in Gräfenhainichen eine kleine, bis heute bestehende Manufaktur für Naturseifen gründete, die unter dem Namen „Müllers Poselkower Seifenmanufaktur" noch immer existiert und, wie der aktuelle Internetauftritt des Betriebs vermerkt, „nach einem Familienrezept aus dem 19. Jahrhundert" produziert – ein Satz, der, gemessen an dem, was diese Chronik über die tatsächliche Geschichte dieses Rezepts und seiner Bewahrung unter schwierigsten Bedingungen zu berichten weiß, eher untertrieben wirkt.
III. Die Bäckerei von Euten und das Geheimnis, das niemand lüftete
Von den drei hier behandelten Familien war die Bäckerei von Euten diejenige, deren wirtschaftliche Existenz unter der DDR am wenigsten Reibung erzeugte – nicht, weil das Regime Bäckereien besonders wohlgesinnt war, sondern weil kleine Handwerksbetriebe dieser Art, anders als größere Fabriken, unter bestimmten Voraussetzungen bis zuletzt als „private Gewerbetreibende" fortbestehen durften, sofern sie sich nicht durch übermäßige Größe oder politischen Unwillen hervortaten. Die Bäckerei von Euten, seit unbestimmter, in der Ortschronik nur als „seit Menschengedenken" bezeichneter Zeit im Besitz derselben Familie, tat weder das eine noch das andere – sie blieb, wie es ein ehemaliger Poselkower Bewohner in einem später aufgezeichneten Interview formulierte, „einfach die Bäckerei, in der man die Brezeln kaufte, und irgendwie hat sich nie jemand die Mühe gemacht, sich groß darüber aufzuregen".
Was die Bäckerei jedoch zu einer der beliebtesten Anekdotenquellen der gesamten Ortsgeschichte machte, war weniger ihr wirtschaftliches Überleben als das legendäre Geheimnis um ihr Sauerteig-Anstellgut – jene lebendige, über Generationen weitervermehrte Sauerteigkultur, aus der sich der charakteristische Geschmack der Poselkower Brezeln speiste, und deren genaue Zusammensetzung, wie es in der Chronik mit sichtlichem Stolz heißt, „seit Hunderten von Jahren in der Familie bewahrt wurde, ohne dass je ein Außenstehender das Geheimnis lüften konnte, so sehr er sich auch bemühte."
Zu den hartnäckigsten dieser Bemühungen gehörte, folgt man einer der amüsantesten und zugleich am besten dokumentierten Episoden der gesamten Ortsgeschichte, ein Versuch der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit in den frühen 1970er Jahren, dem Rezept auf den Grund zu gehen – nicht etwa aus politischem Argwohn, sondern, wie es in einer nach 1990 zugänglich gewordenen, denkbar unspektakulären Aktennotiz heißt, weil ein örtlicher Funktionär der Meinung war, das Rezept könne „von volkswirtschaftlichem Interesse für die zentrale Backwarenproduktion" sein. Ein inoffizieller Mitarbeiter, dessen Deckname in der erhaltenen Akte lediglich als „Brezel" vermerkt ist – eine Ironie, die sich der zuständige Sachbearbeiter offenbar selbst nicht bewusst machte –, wurde über mehrere Monate hinweg beauftragt, sich das Vertrauen der Bäckerfamilie zu erschleichen und die genaue Zusammensetzung des Anstellguts sowie die exakten Gär- und Backzeiten in Erfahrung zu bringen.
Die Operation, wie sie in der schmalen, erhaltenen Akte dokumentiert ist, endete nach acht Monaten ergebnislos, mit einem abschließenden Bericht, der, wie ihn die Ortschronik mit kaum verhohlener Freude zitiert, festhält, die Zielperson – gemeint war der damalige Bäckermeister Gustav von Euten – habe „auf wiederholte Nachfrage stets unterschiedliche und einander widersprechende Angaben zur Zusammensetzung des Sauerteigs gemacht, sodass eine Verifizierung nicht möglich war" und weiter vermutet, dies geschehe „möglicherweise absichtlich zur Verschleierung". Gustav von Euten selbst, so berichten es mehrere übereinstimmende mündliche Überlieferungen, die sich bis in die Gegenwart in der Familie erhalten haben, habe von dem gescheiterten Ausspähversuch zeitlebens gewusst oder es zumindest geahnt, und pflegte, wenn ihn jemand aus dem Dorf nach dem Rezept fragte, mit einem Augenzwinkern zu antworten, „das bleibe unter uns, so wie es auch schon der Herr Oberst nicht erfahren hat" – ein Satz, den er nach eigener späterer Aussage erstmals kurz nach dem Ende des gescheiterten Ausspähversuchs zu verwenden begann, was seine Familie stets als deutlichen, wenn auch nie offen ausgesprochenen Hinweis darauf wertete, dass er den Werbungsversuch der Staatssicherheit von Anfang an durchschaut und den vermeintlichen Vertrauten bewusst in die Irre geführt hatte.
Als die Devastierung Poselkows unmittelbar bevorstand, sorgte Gustav von Eutens Tochter, Irmgard, geboren 1938, dafür, dass das Anstellgut – jene lebendige, seit Generationen gepflegte Kultur, ohne die das gesamte Familienrezept wertlos gewesen wäre – den Umzug persönlich und unter besonderer Vorsicht überstand. Sie transportierte es, wie es die Familienüberlieferung bis heute mit einer gewissen Feierlichkeit erzählt, „nicht im Umzugswagen mit dem übrigen Hausrat, sondern auf dem eigenen Schoß, in einem Einweckglas, während der gesamten Fahrt nach Gräfenhainichen" – eine Sorgfalt, die sich im Rückblick auszahlte: Irmgard von Euten eröffnete 1986 in Gräfenhainichen eine kleine Bäckerei, die noch heute, mittlerweile in dritter Generation von ihrem Enkel Matthias geführt, montags und donnerstags auf dem dortigen Wochenmarkt Brezeln nach dem alten Poselkower Rezept verkauft. Das Anstellgut, so versichert Matthias von Euten Kunden, die danach fragen, sei „dasselbe, das schon meine Ur-Ur-Großeltern gepflegt haben" – eine Behauptung, die sich, anders als so vieles andere in dieser Chronik, tatsächlich mit einiger Wahrscheinlichkeit als wahr erweisen dürfte, da Sauerteigkulturen bei sorgfältiger, ununterbrochener Pflege tatsächlich über viele Generationen hinweg fortbestehen können, ohne ihre grundlegende mikrobielle Zusammensetzung zu verlieren.
Schluss: Was von den Alteingesessenen blieb
Was diese drei Familien – die unbequemen Nachfahrinnen Anna von Gräfenhainichens, die zähen Seifensieder Müller, die verschwiegenen Bäcker von Euten – trotz all ihrer Verschiedenheit verbindet, ist eine Form des stillen, unspektakulären Widerstands, die sich deutlich von der großen, geheimdienstlich verwobenen Geschichte unterscheidet, die den Hauptteil dieser Chronik ausmacht, und die doch, bei genauerem Hinsehen, demselben Muster zu folgen scheint: Menschen, die sich weigerten, das aufzugeben, was ihnen wichtig war, ganz gleich, welches System gerade regierte – nicht durch offene Rebellion, sondern durch die viel zähere, viel schwerer zu bekämpfende Kunst, einfach weiterzumachen, mit einem Augenzwinkern, einem Geschenkpaket Lavendelseife oder einem widersprüchlichen Rezept, das man niemandem verriet.
Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet diese drei Familien es waren, die noch heute, in Gräfenhainichen und den umliegenden Orten, lebendige Nachfahren und florierende, wenn auch bescheidene Betriebe vorweisen können – während die Familie Kieseling, deren Geschichte diese Chronik in ihren vorangegangenen Teilen so ausführlich verfolgt hat, über drei Generationen hinweg spurlos verschwand, einer nach dem anderen, ohne dass eine einzige zusammenhängende Erklärung dafür je gefunden wurde. Vielleicht, so ließe sich mit der gebotenen Vorsicht vermuten, liegt gerade darin der eigentliche Unterschied: dass die einen sich mit Seife, Brezeln und einer guten Portion Sturheit gegen das stemmten, was größer war als sie selbst, während die anderen sich, jeder auf seine Weise, diesem Größeren zuwandten, anstatt sich von ihm fernzuhalten – und dass nur eine dieser beiden Strategien einen Weg findet, der tatsächlich zu Enkeln auf dem Wochenmarkt führt, und nicht zu einem Fahrrad, das ordentlich an einen Baum gelehnt in einem Wald steht, aus dem niemand mehr zurückkehrt.
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Der Anhang zum nachlesen: