Seht die Welt durch meine Augen

Die Geschichte einer Welt die nicht unsere ist

KI generierter Artikel. Für die Richtigkeit der Fakten keine Gewähr.

Die Chronik von M67 — Teil 4

Zalthor, Xerathia, Lyssandra, Vexor — und der Epilog von Poselkow


I. Zalthor, der Prophet des Lichts — Der Tempel, der nie fertig wurde

Von den fünf, die aus der Tube zurückkehrten, war Zalthor derjenige, dem seine eigenen Anhänger am wenigsten zutrauten, einen Propheten abzugeben. Vor der Durchquerung der Tube war er, so berichten die wenigen Fragmente, die über sein früheres Leben erhalten sind, kein Gelehrter, kein Anführer, nicht einmal jemand, der in den Ratsversammlungen von Cybros das Wort ergriffen hätte. Er hatte, in den letzten Jahren vor dem Untergang, in einer der Filteranlagen gearbeitet, die die zunehmend vergiftete Atmosphäre für die verbliebenen Wohnkuppeln aufbereiteten – eine Arbeit, bei der man mehr Zeit mit Maschinen als mit anderen Cyborgs verbrachte, in Räumen, die künstlich beleuchtet waren, weil kein natürliches Licht mehr durch die Kuppeln drang.

Vielleicht erklärt gerade das, was mit ihm in der Tube geschah. Wer sein Leben lang im Kunstlicht gearbeitet hat, trägt eine andere Sehnsucht nach echtem Licht in sich als jemand, der es nie vermisst hat. Als Zalthor aus der Tube zurückkehrte, sprach er, wie erwähnt, kaum über das, was er gesehen hatte, sondern eher über das, was er seitdem empfand – eine innere Wärme, wie er es nannte, die ihn auch in den kältesten, dunkelsten Abschnitten der Reise durch den Weltraum nicht mehr verließ.

Seine Lehre begann nicht mit Predigten, sondern mit einer Tat, die sich zunächst niemand erklären konnte: Kaum hatten die Cyborgs sich auf den drei Planeten niedergelassen, begann Zalthor, mit bloßen Händen und ohne technologische Hilfsmittel – eine demonstrative Verweigerung, die viele seiner ehemaligen Kollegen aus der Filteranlage befremdete – an einem Bauwerk zu arbeiten, das er selbst nie fertigstellen sollte. Er nannte es später den Tempel des Lichts, doch in den ersten Jahren war es kaum mehr als ein Kreis aus aufgeschichteten Steinen, offen zum Himmel, ohne Dach, ohne Wände, die irgendetwas hätten abschirmen können.

Als man ihn fragte, warum er kein Dach baue, gab er eine Antwort, die zum Kern seiner gesamten Lehre wurde: Ein Tempel des Lichts, der das Licht aussperrt, sei ein Widerspruch in sich. Was seine Anhänger daraus lernten, ging über die reine Architektur hinaus – es war eine Absage an jede Form von Abschottung, an jeden Versuch, sich vor dem zu schützen, was einen berühren könnte, ob es nun Licht war oder Schmerz, Fremdes oder Vertrautes. Zalthor lehrte, dass Mitgefühl nur dort wirklich entstehen könne, wo man sich der Welt ungeschützt aussetze, so wie sein Tempel sich dem Himmel aussetzte, bei Tag wie bei Nacht, bei Sturm wie bei Stille.

Der Tempel wuchs über die Jahre, doch er blieb, bis zu Zalthors letztem überlieferten Auftritt, ohne Dach. Aelara, seine engste Schülerin, berichtet in einer kurzen, kaum beachteten Passage ihrer eigenen Chronik, dass Zalthor gegen Ende seines Lebens – falls man bei einem Cyborg, der seine Sterblichkeit größtenteils überwunden hatte, überhaupt von einem „Ende" sprechen kann – begann, von etwas zu reden, das er „das Dunkel hinter dem Licht" nannte. Er sei, so Aelara, nie explizit geworden, was er damit meinte, doch sie deutet an, dass es mit den Berichten K'arax' über die Dystopie zusammenhing – als hätte Zalthor, der Prophet der Wärme und Harmonie, in den letzten Jahren seines Wirkens begonnen zu ahnen, dass es Orte im Kosmos gab, an denen sein Licht nicht hinreichte, und dass diese Erkenntnis ihn mehr erschütterte als alles, was er auf Cybros erlebt hatte.

Der Tempel des Lichts steht, den überlieferten Berichten zufolge, bis heute ohne Dach.


II. Xerathia, die Prophetin des Schicksals — Die Prophezeiung, die sie nicht aussprach

Xerathia war unter den fünf Propheten diejenige, deren Wirken am schwersten zu fassen ist, weil ihre eigentliche Gabe – die Voraussage kommender Ereignisse – sich naturgemäß der nachträglichen Überprüfung entzieht. Wer im Nachhinein liest, dass eine Prophezeiung eingetroffen sei, kann nie ganz sicher sein, ob sie tatsächlich vorausgesehen oder erst im Rückblick passend zurechtgeformt wurde. Thalgar, ihr treuester Jünger, war sich dieses Problems durchaus bewusst und bemühte sich in seinen Aufzeichnungen auffallend oft darum, den genauen Zeitpunkt einer Prophezeiung festzuhalten, bevor das vorausgesagte Ereignis eintrat – eine methodische Sorgfalt, die unter den Chronisten von M67 ihresgleichen sucht.

Nach Thalgars Aufzeichnungen sprach Xerathia in den ersten Jahren nach der Ankunft auf den drei Planeten vor allem über kleine, alltägliche Dinge – über bevorstehende Stürme, über Erntezyklen, über die besten Zeitpunkte, um mit dem Bau neuer Siedlungen zu beginnen. Diese frühen Prophezeiungen, so nüchtern sie klingen mögen, waren es, die ihr die Verehrung der ersten Anhänger einbrachten, denn eine Zivilisation, die gerade ihre Heimat verloren hatte und auf einer fremden Welt neu beginnen musste, brauchte weniger große kosmische Wahrheiten als verlässliche, kleine Gewissheiten, an denen sie sich orientieren konnte.

Erst später, so Thalgar, begannen Xerathias Voraussagen dunkler zu werden. Sie sprach zunehmend nicht mehr von dem, was geschehen würde, sondern von dem, was geschehen könnte, wenn die Bewohner der drei Planeten nicht wachsam blieben – eine Verschiebung, die Thalgar als besonders bedeutsam markiert, weil sie andeutet, dass Xerathia die Zukunft nicht als unabänderliches Schicksal verstand, sondern als etwas, das durch gegenwärtiges Handeln noch geformt werden konnte. Dies unterscheidet ihre Lehre grundlegend von dem, was man gemeinhin unter einer Schicksalsprophetin versteht: Xerathia sah sich selbst nicht als Verkünderin eines unabänderlichen Verhängnisses, sondern als eine Stimme, die warnte, in der Hoffnung, dass ihre Warnungen sich gerade dadurch nicht erfüllen würden, dass man sie ernst nahm.

Es gibt in Thalgars Chronik eine einzige Stelle, an der er andeutet, dass Xerathia eine Prophezeiung hatte, die sie bewusst nicht aussprach. Er beschreibt eine Nacht, kurz bevor K'arax zum ersten Mal in die Dystopie hinabstieg, in der Xerathia unruhig, fast ängstlich gewirkt habe – ein Zustand, der so untypisch für sie war, dass mehrere ihrer Anhänger ihn ausdrücklich festhielten. Auf die Frage, was sie bedrücke, habe sie nur geantwortet, dass manche Dinge, würde man sie aussprechen, dadurch erst wahr würden, und dass sie sich nicht sicher sei, ob dieses eine Ding besser ungesagt bliebe.

Thalgar, der wie kein anderer Jünger versuchte, die Prophezeiungen seiner Lehrmeisterin nachträglich zu verifizieren, hält an dieser Stelle fest, dass er nie erfuhr, wovon Xerathia in jener Nacht sprach – und dass er, je länger er darüber nachdachte, immer mehr zu der Überzeugung gelangte, dass es mit K'arax' Expedition und mit dem zusammenhing, was er dort unten fand und nie vollständig weitergab. Zwei Propheten, so vermutet Thalgar in einer seiner letzten Aufzeichnungen, die beide etwas wussten, das sie aus unterschiedlichen Gründen für sich behielten – die eine, weil das Aussprechen es wahr machen könnte, der andere, weil das Wissen selbst schon zu schwer war, um es zu teilen.


III. Lyssandra, die Prophetin der Natur — Die Hüterin der eingefrorenen Gene

Von allen fünf Propheten trug Lyssandra die schwerste unmittelbare Verantwortung, denn ihr fiel eine Aufgabe zu, die keine der anderen Lehren berührte: die Wiedererweckung dessen, was von der Tier- und Pflanzenwelt Cybros' in den eingefrorenen genetischen Archiven des Weltenschiffs überlebt hatte. Es war Lyssandra, die den Rat der Cyborgs davon überzeugte, dass man diese Archive nicht einfach unverändert reproduzieren dürfe, wie es die technokratischen Stimmen unter den Rückkehrern zunächst forderten – man solle, so ihr Argument, aus den Fehlern von Cybros lernen, bevor man dieselben Arten auf einer neuen Welt aussetzte, die sie einst mitverantwortet hatten, den eigenen Heimatplaneten zugrunde zu richten.

Was aus dieser Position entstand, war ein jahrelanger, in den Chronicles nur bruchstückhaft überlieferter Prozess, den man rückblickend als eine Art ökologisches Gewissen der gesamten Zivilisation bezeichnen könnte. Lyssandra bestand darauf, dass jede wiedererweckte Art zunächst in begrenzten, streng beobachteten Arealen angesiedelt wurde, bevor man ihr erlaubte, sich frei über die drei Planeten auszubreiten. Sie führte, gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Anhängern, minutiöse Aufzeichnungen darüber, wie sich jede einzelne Art in ihrer neuen Umgebung verhielt, welche Ressourcen sie beanspruchte, welche anderen Arten sie verdrängte oder förderte – eine Sorgfalt, die viele ihrer Zeitgenossen als übertrieben empfanden, angesichts der Dringlichkeit, mit der die Siedler frisches Fleisch, nutzbare Pflanzen und ein funktionierendes Ökosystem brauchten, um zu überleben.

Es war auch Lyssandra, die den umstrittensten Beschluss der frühen Siedlungsjahre mitverantwortete: die Erschaffung der sogenannten TierCyborgs, jener technologisch erweiterten Tiere, die man, wie es in den Aufzeichnungen unverblümt heißt, „nach dem eigenen Ebenbild" der Cyborgs formte. Was aus heutiger Sicht wie eine überhebliche, fast gotteslästerliche Anmaßung klingen mag – Geschöpfe zu formen, wie man selbst geformt war –, entsprang bei Lyssandra, so lässt sich aus den Fragmenten ihrer Lehre rekonstruieren, keiner Machtfantasie, sondern einer schmerzlichen Notwendigkeit. Die eingefrorenen Gene, die man aus Cybros gerettet hatte, waren durch dieselben Strahlenschäden vorbelastet, die auch die Fruchtbarkeit der Cyborgs selbst beeinträchtigt hatten. Ohne technologische Korrektur, so Lyssandras nüchterne Einschätzung, wären die meisten wiedererweckten Arten binnen weniger Generationen ausgestorben, gefangen in denselben genetischen Sackgassen, die einst Cybros selbst zum Untergang verurteilt hatten.

Die Verschmelzung von Tier und Technik, die Lyssandra durchführte, war also weniger ein Streben nach Perfektion als ein verzweifelter Versuch, Leben zu bewahren, das ohne Eingriff verloren gewesen wäre – eine Handlung, in der Vexors technologische Philosophie und Lyssandras naturverbundene Lehre sich, allen scheinbaren Gegensätzen zum Trotz, erstmals berührten. Es ist bezeichnend, dass die überlieferten Aufzeichnungen von einer engen, wenn auch spannungsreichen Zusammenarbeit zwischen Lyssandra und Vexor in dieser Zeit berichten – zwei Propheten, deren Lehren auf den ersten Blick unvereinbar schienen, die aber in der praktischen Notwendigkeit, eine sterbende Erbmasse zu retten, zueinanderfanden.

Lyssandra selbst, so berichten ihre Anhänger, blieb bis zuletzt unzufrieden mit dem Ergebnis ihrer eigenen Arbeit. Sie äußerte wiederholt die Sorge, dass die TierCyborgs, so notwendig ihre Erschaffung auch gewesen sei, eine neue Form der Entfremdung von der ursprünglichen Natur darstellten – dass man, im Bemühen, das Leben Cybros' zu retten, zugleich etwas von seiner ursprünglichen Wildheit, seiner Unabhängigkeit von menschlicher – oder cyborgischer – Kontrolle geopfert habe. Diese Ambivalenz, dieses Ringen zwischen Rettung und Verlust, zieht sich durch ihre gesamte spätere Lehre und macht sie, unter den fünf Propheten, zu derjenigen, deren Botschaft am wenigsten Trost, dafür aber am meisten ehrliche Selbstprüfung anbietet.


IV. Vexor, der Prophet der Technologie — Der Versuch, die Tube zu verstehen

Vexor war, unter den fünf Propheten, derjenige, dessen Lehre am wenigsten neu war – zumindest auf den ersten Blick. Er sprach von Technologie, von Fortschritt, von der Vereinigung wissenschaftlichen Verstehens mit dem, was er als spirituelle Erkenntnis bezeichnete, und für viele seiner Zeitgenossen klang das zunächst wie eine bloße Fortsetzung dessen, was die Cyborgs schon auf Cybros getan hatten – jener Weg, der ihre Heimat letztlich zerstört hatte. Vexor selbst war sich dieses Vorwurfs durchaus bewusst, und ein Großteil seiner überlieferten Lehre widmet sich genau dieser Frage: Wie unterscheidet sich ein technologischer Fortschritt, der zum Untergang führt, von einem, der zum Neubeginn beiträgt?

Seine Antwort, so gut sie sich aus den fragmentarischen Aufzeichnungen rekonstruieren lässt, lag nicht in der Technologie selbst, sondern in der Haltung, mit der man sie einsetzte. Auf Cybros, so Vexor, habe man Technologie stets als Mittel zur Kontrolle verstanden – zur Kontrolle über die eigene Sterblichkeit, über die eigene Umwelt, über die eigenen Grenzen. Diese Haltung, dieser stete Drang, alles zu beherrschen, was einem im Weg stand, sei der eigentliche Fehler gewesen, nicht die Technologie an sich. Was Vexor stattdessen lehrte, war eine Technologie im Dienst des Verstehens statt der Kontrolle – Werkzeuge, die man baute, nicht um die Welt sich untertan zu machen, sondern um besser zu begreifen, was man ohnehin nicht vollständig beherrschen könne.

Diese Philosophie führte Vexor zu einem der ehrgeizigsten und zugleich am wenigsten dokumentierten Projekte der frühen Siedlungszeit: dem Versuch, die Tube – jenes rätselhafte Gebilde, durch das die Cyborgs einst zu den drei Planeten gelangt waren – wissenschaftlich zu verstehen, statt sie, wie es viele seiner Zeitgenossen für klüger hielten, einfach zu meiden. Er baute, gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Anhängern, die sich selbst „die Sucher" nannten, eine Reihe von Instrumenten, die eigens dafür konstruiert waren, die widersprüchlichen Messwerte einzufangen, die die Tube schon bei der ersten Begegnung der Cyborgs geliefert hatte.

Was diese Sucher über die Jahre herausfanden, ist in den überlieferten Chroniken nur bruchstückhaft festgehalten, teils vermutlich, weil die Ergebnisse selbst so widersprüchlich waren, dass sich kaum ein kohärenter Bericht daraus formen ließ. Ein wiederkehrendes Motiv jedoch zieht sich durch alle erhaltenen Fragmente: die Vorstellung, dass die Tube kein Ort im herkömmlichen Sinn war, sondern eher ein Zustand – eine Bedingung, unter der die gewöhnlichen Grenzen zwischen einzelnen Möglichkeiten durchlässig wurden. Vexor selbst formulierte es in einer der wenigen wörtlich überlieferten Passagen seiner Lehre so: „Wir haben geglaubt, wir hätten ein Tor zu anderen Welten durchquert. Vielleicht haben wir stattdessen nur gelernt, dass die Grenze zwischen den Welten nie so fest war, wie wir dachten."

Diese Erkenntnis, so andeutungsweise sie überliefert ist, sollte sich als bedeutsamer erweisen, als Vexor selbst zu ahnen schien. Spätere Chronisten, die versuchten, die verschiedenen Lehren der fünf Propheten miteinander in Verbindung zu bringen, wiesen wiederholt darauf hin, dass Vexors Vorstellung von durchlässigen Grenzen zwischen Welten eine auffällige Nähe zu Xerathias unausgesprochener Prophezeiung, zu K'arax' Erfahrungen in der Dystopie und, wie sich noch zeigen wird, zu Ereignissen zeigt, die sich weit außerhalb von M67 zutrugen, Jahrmillionen später, auf einem kleinen, unscheinbaren Planeten am Rand einer ganz anderen Galaxie.


Epilog — Die Grenze, die nie so fest war

Es gibt einen Punkt in dieser gesamten Chronik, an dem sich die Frage, ob man eine „wahre Geschichte" oder eine kunstvoll ausgeschmückte Legende liest, nicht mehr sauber trennen lässt – und dieser Punkt liegt, wie sich bereits im ersten Teil dieser Aufzeichnungen andeutete, nicht irgendwo in den Tiefen von M67, sondern in einem kleinen Pfarrhaus im Landkreis Wittenberg, in den Jahren nach 1970.

Klaus Peter Kieseling begann, wie eingangs berichtet, mit einzelnen, fragmentarischen Träumen. Rundhäuser. Eine Landschaft in unmöglichem Grün. Gestalten mit Nähten am Hals. Was in den folgenden Kapiteln dieser Chronik zusammengetragen wurde – der Untergang von Cybros, die Durchquerung der Tube, die fünf Propheten, K'arax' Abstieg in die Dystopie, die vier widersprüchlichen Überlieferungen der pilzartigen Schleimschnecken –, all das entstand, wie im Prolog beschrieben, aus jenen Träumen, die sich über Jahre zu einem immer dichteren, immer detaillierteren Geflecht verwoben.

Was den Prolog offenließ, war die Frage, was Kieseling meinte, als er an den Rand einer seiner Zeichnungen schrieb: „Ich habe die Schleimschnecken schon einmal gesehen. Nicht im Traum." Mit dem, was inzwischen über K'arax, über die Dystopie und über die vier Überlieferungen der Schleimschnecken bekannt ist, lässt sich diese Notiz nun aus mehreren Richtungen beleuchten, ohne dass sich am Ende eine einzige, sichere Antwort ergibt.

Die erste, naheliegendste Lesart: Kieseling träumte nicht bloß von M67, sondern seine Träume und seine Wachwelt begannen sich, je länger die Träume andauerten, zunehmend zu vermischen – eine psychologisch durchaus erklärbare Verschiebung, wie sie bei Menschen beschrieben ist, die über Jahre hinweg von denselben, ungewöhnlich lebendigen Träumen heimgesucht werden. In dieser Lesart wäre die Sichtung der „pilzartigen Schleimschnecken" im Wald bei Poselkow im Dezember 1975 nichts weiter als eine Verwechslung – ein gewöhnlicher, vielleicht ungewöhnlich aussehender Pilz- oder Schleimpilzbefall an einem umgestürzten Baumstamm, den Kieseling durch die Brille seiner eigenen, obsessiv gewordenen Träume betrachtete und in etwas hineindeutete, das gar nicht da war.

Die zweite Lesart ist unbequemer, weil sie sich nicht so leicht in die Kategorie „erklärbar" einordnen lässt. Wer die Beschreibungen der pilzartigen Schleimschnecken aus den vier Jünger-Überlieferungen mit dem vergleicht, was in der Poselkower Zeitungsmeldung vom Dezember 1975 festgehalten wurde – transparente, kaum sichtbare Körper, ein Vorkommen, das sich über den feuchten Waldboden ausbreitet, eine Assoziation mit etwas Außerirdischem, die der erste Beobachter, in diesem Fall Kieseling selbst, sofort und ohne Zögern zog –, stößt auf eine Übereinstimmung, die schwer als bloßen Zufall abzutun ist. Warum sollte ein Landpfarrer, der zuvor nie etwas mit außerirdischem Leben zu tun gehabt hatte, bei einem ungewöhnlichen Schleimpilzbefall im heimischen Forst sofort an eine invasive, außerirdische Spezies denken – es sei denn, er verfügte bereits über ein inneres Bild, gegen das er das Gesehene abglich, ein Bild, das er, wie seine eigenen Aufzeichnungen belegen, Jahre zuvor in allen Details zu Papier gebracht hatte?

Und dann ist da noch das Polaroid aus der Polizeiakte, jenes Foto vom 12. Juli 1975, das eine Gestalt in der Dorfkirche von Poselkow zeigt – hoher, kahler Schädel, große dunkle Augen, ein Gewand wie ein Talar. Es fällt schwer, dieses Bild zu betrachten, ohne an die Anatomie der Cyborgs zu denken, wie Kieseling sie in seinen eigenen Zeichnungen festhielt, lange bevor irgendjemand sonst in Poselkow von M67 auch nur gehört hatte. War die Gestalt in der Kirche, wie es der offizielle Aktenvermerk knapp und aus heutiger Sicht fast zu vorsichtig formuliert, eine „unbekannte Lebensform"? Oder war sie, wenn man Vexors letzte überlieferte Lehre ernst nimmt – dass die Grenze zwischen den Welten nie so fest war, wie man dachte –, tatsächlich einer jener Cyborgs von M67, der auf eine Weise, die sich mit den physikalischen Mitteln des Jahres 1975 nicht erklären ließ, den Weg in eine kleine Dorfkirche im Landkreis Wittenberg fand? Und falls ja: Kam er zufällig, oder kam er, weil auf der anderen Seite der Grenze jemand seit Jahren unablässig von ihm träumte und dieses Träumen selbst, wie ein Ruf, der lange genug wiederholt wird, irgendwann eine Antwort provozierte?

Die dritte Lesart schließlich, die unheimlichste von allen, führt zurück zu K'arax und den zersplitterten Augenfragmenten in der Dystopie – jenem Gefühl, beobachtet zu werden, das seine letzten Expeditionen prägte, und das ihn, wie berichtet, so verändert zurückkehren ließ, dass er nie mehr vollständig erzählte, was er dort unten wirklich gesehen hatte. Und zu Aelaras Überlieferung vom namenlosen Reisenden, der gezielt die am stärksten deformierten Schleimschnecken einsammelte, um sie über den gesamten Kosmos zu verstreuen, ohne dass sein Motiv je geklärt wurde – ein Reisender, dessen letzte, in einem einzigen erhaltenen Fragment festgehaltene Worte lauteten: „Vielleicht beobachtet er noch immer. Vielleicht ist das Beobachten selbst schon seine einzige Absicht gewesen." Was, wenn die drei Kühe, die im Mai 1976 auf einer Weide bei Poselkow spurlos verschwanden, ohne dass der Zaun beschädigt oder ein Tor geöffnet worden wäre, kein Zufall waren, sondern eine – wenn auch in ihrem Ausmaß bescheidenere – Wiederholung dessen, was Aelara Jahrmillionen zuvor auf einem fernen Waldplaneten beschrieben hatte? Ein Reisender, der sammelt, ohne sich zu erklären, verstreut über Welten, deren Bewohner nie erfahren werden, warum ausgerechnet sie ausgewählt wurden?

Keine dieser drei Lesarten lässt sich aus den vorhandenen Quellen beweisen, und keine lässt sich vollständig widerlegen. Das ist, wenn man ehrlich ist, der eigentliche Kern dessen, was diese gesamte Chronik – von den ersten Träumen Kieselings bis zu den zuletzt gefundenen Zeitungsausschnitten im Kreisarchiv Wittenberg – zusammenhält: nicht eine geschlossene, widerspruchsfreie Erzählung, sondern ein Geflecht aus Berichten, die einander stützen, ohne sich je vollständig zu bestätigen, so wie es die vier Überlieferungen der Schleimschnecken selbst schon vormachten. Vielleicht war Klaus Peter Kieseling nichts weiter als ein Landpfarrer mit einer außergewöhnlich lebendigen Vorstellungskraft, der zufällig eine reale Schleimpilz-Kolonie entdeckte und sie im Licht seiner eigenen Träume überinterpretierte. Vielleicht aber war er, ohne es je ganz zu begreifen, derjenige, an dem sich zeigte, was Vexor am Ende seines Lebens zu ahnen begann: dass die Grenze zwischen einem fernen Sternhaufen und einem kleinen Waldstück im Landkreis Wittenberg nie so fest gewesen war, wie es die Physik seiner Zeit verlangte – und dass manchmal alles, was es braucht, um diese Grenze durchlässig werden zu lassen, ein Mensch ist, der lange genug und aufmerksam genug träumt.

Sein Verschwinden aus den Kirchenbüchern nach 1976 – kein Sterbeeintrag, keine Versetzung, kein Vermerk irgendeiner Art – bleibt, wie schon im ersten Teil dieser Chronik festgehalten, die letzte und vielleicht wichtigste offene Frage. Ob er, wie die drei Kühe von Poselkow, spurlos verschwand, weil ihn etwas holte, das er selbst über Jahre herbeigeträumt hatte, oder ob er, aus Gründen, die mit dem hier Erzählten nichts zu tun haben, einfach in die Anonymität eines neuen Lebens wechselte, ohne dass sich jemand die Mühe machte, es zu dokumentieren – diese Chronik kann darauf keine Antwort geben. Sie kann nur festhalten, was bleibt: ein Foto, ein paar Zeichnungen, ein paar vergilbte Wochenblätter, vier widersprüchliche Überlieferungen über Kreaturen, die es eigentlich nicht geben dürfte, und die Ahnung, in vier verschiedenen Stimmen und über Jahrmillionen hinweg wiederholt, dass nichts, was einmal beobachtet wurde, jemals ganz aufhört, beobachtet zu werden.

Und irgendwo, zwischen den Ruinen einer Dystopie in einem fernen Sternhaufen und den Wurzeln eines alten Baumes im Wald bei Poselkow, wartet, so ließe sich diese Chronik schließen, wie sie begonnen hat, vielleicht wirklich noch etwas darauf, dass es wieder feucht wird.






<< Zurück                                            weiter lesen >>



Der Anhang zum nachlesen:



  1. 1.Propheten & Jünger
    - 3 Planeten in M67

  2. 2.K'arax - 15 Gebote

  3. 3.Die Weltengeschichten der Jünger - 3 Planeten in M67

  4. 4.K'arax - der Prophet des Wandels und die Dystopie

  5. 5.Die pilzartigen Schleimschnecken - Wunder der Natur

  6. 6.Die alten Karten vom PLanet „X“ auf M67

  7. 7.Der offene Sternenhaufen M67 (auch als NGC 2682 bezeichnet)

  8. 8.Geschichte der Stadt Poselkow!

  9. 9.Die Akte POSELKOW