Seht die Welt durch meine Augen
Die Geschichte einer Welt die nicht unsere ist
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Die Chronik von M67 — Teil 5
Zwischenkapitel: Der Pfarrer und der Tagebau
I. Ein Name, zwei Männer
Es ist an dieser Stelle nötig, eine Verwechslung aufzuklären, die sich in den bisherigen Teilen dieser Chronik eingeschlichen hat, ohne dass sie zuvor als solche kenntlich gemacht wurde – eine Verwechslung, die, wie sich zeigen wird, selbst Teil der Geschichte ist, nicht nur ein Fehler in ihrer Erzählung.
Es gab nicht einen Pfarrer Kieseling in dieser Chronik, sondern zwei. Der erste, um dessen letzte Tage es in diesem Kapitel gehen soll, hieß mit vollem Namen Gotthold Kieseling, geboren 1911, seit 1947 Pfarrer der Gemeinde Poselkow im Landkreis Wittenberg – jener Mann, der im Dezember 1975 die pilzartigen Schleimschnecken im Wald entdeckte, der sie ohne zu zögern als außerirdische Spezies deklarierte, dessen Name auf dem Polaroid aus der Polizeiakte in blauer Tinte vermerkt ist, und der später aus den Kirchenbüchern der Region verschwand, ohne dass ein Sterbeeintrag oder eine Versetzung dies erklärt hätte.
Der zweite ist Klaus Peter Kieseling, dessen wiederkehrende Träume von M67 den Ausgangspunkt dieser gesamten Chronik bildeten – Gottholds Enkel, geboren 1961, aufgewachsen weit entfernt von Poselkow, in einer Familie, die über den Großvater kaum sprach, und wenn, dann nur in vagen, unvollständigen Andeutungen, als handle es sich um eine Verlegenheit, die man lieber nicht zu genau untersuchte.
Diese Chronik hat die beiden Männer, wie aufmerksame Leser vielleicht bemerkt haben, in ihren früheren Teilen bewusst nicht klar voneinander getrennt – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die überlieferten Quellen selbst diese Klarheit oft vermissen lassen. Wo Klaus Peter in seinen eigenen Notizen von „dem Pfarrer" schreibt, ist mitunter nicht zu entscheiden, ob er von sich selbst spricht oder von einem Großvater, dessen Geschichte er erst spät und nur bruchstückhaft rekonstruierte. Diese Unschärfe selbst, so viel sei vorweggenommen, ist am Ende vielleicht bedeutsamer als jede saubere Trennung, die man nachträglich in sie hineinlesen könnte.
II. Das Eierfest
Bevor von Gottholds letzten Tagen die Rede sein kann, verdient etwas anderes Erwähnung – etwas, das in den nüchternen Polizeiakten und Zeitungsausschnitten keinen Platz fand, aber in der mündlichen Erinnerung der wenigen noch lebenden Poselkower, die nach der Umsiedlung befragt wurden, erstaunlich lebendig geblieben ist: Gotthold Kieseling war, allen unheimlichen Ereignissen der Jahre 1975 und 1976 zum Trotz, kein Mann, den man in Poselkow fürchtete. Man mochte ihn. Mehr noch, man freute sich auf ihn, vor allem einmal im Jahr, wenn das Dorf sein traditionelles Eierfest beging, jenes bunte, halb kirchliche, halb bäuerliche Frühlingsfest, das in dieser Region der DDR trotz aller offiziellen Distanz zur Kirche in den Dörfern erstaunlich zäh überlebte.
Beim Eierfest, so berichten die überlieferten Erinnerungen, war Gotthold Kieseling in seinem Element. Seine Predigten an diesem Tag folgten keinem Format, das ein Pfarrseminar gebilligt hätte – sie waren, wie es eine spätere Chronistin der Ortsgeschichte formulierte, tragikomisch im besten Sinne, voller Lacher, aber auch voller stiller, fast unbeholfener Momente der Besinnung, in denen selbst die eingefleischtesten Spötter des Dorfes für einen Augenblick verstummten. Er verband, so die Überlieferung, biblische Gleichnisse mit Anekdoten aus dem Dorfleben auf eine Weise, die ihm niemand nachmachen konnte, sodass seine Sätze noch Wochen nach dem Fest in den Gasthäusern und auf den Feldern zitiert wurden, oft in leicht verballhornter Form, wie es mit guten Sprüchen eben geschieht, wenn sie durch viele Münder gehen.
Was diese fröhliche, fast anekdotische Seite Gottholds an dieser Stelle der Chronik so bedeutsam macht, ist der Kontrast, den sie zu dem bildet, was in den Jahren nach 1976 aus ihm wurde. Mehrere der wenigen erhaltenen Zeitzeugenberichte deuten übereinstimmend darauf hin, dass sich seine Predigten, vor allem beim Eierfest, in den letzten Jahren vor der endgültigen Auflösung des Dorfes langsam veränderten. Die Anekdoten aus dem Dorfleben wichen zunehmend Bildern, die den Zuhörern fremd vorkamen – von „Besuchern aus großer Ferne", von „Licht, das durch Wände scheint, die keine Fenster haben", von einem „Garten, in dem die Bäume sich erinnern". Man nahm es weiterhin mit einem Lächeln auf, wie man es all die Jahre gewohnt war, denn Gotthold war schließlich immer schon für ungewöhnliche Bilder gut gewesen – doch mit den Jahren, so berichtet eine der letzten noch lebenden Zeitzeuginnen in einem 1998 geführten, kaum beachteten Interview für ein regionales Heimatprojekt, sei ihr aufgefallen, dass er beim Sprechen dieser Sätze nicht mehr lächelte wie sonst, sondern für einen Moment ganz woanders zu sein schien.
III. Der Tagebau kommt näher
Was Poselkow schließlich das Ende brachte, war keine außerirdische Macht, kein Sturm und kein Reisender zwischen den Sternen, sondern etwas viel Irdischeres und, auf seine eigene Weise, ebenso Unaufhaltsames: der Braunkohlentagebau Golpa-Nord, der sich seit den späten 1970er Jahren immer weiter durch die Landschaft nördlich von Wittenberg fraß und dabei, wie es für die Tagebaue der DDR in dieser Region typisch war, ganze Dörfer verschlang, deren Boden über den abbauwürdigen Kohleflözen lag. Die Devastierung, wie man den Vorgang in der Amtssprache nannte, betraf in jenen Jahren mehrere Ortschaften der Umgebung; Poselkow, klein und ohnehin schon von Abwanderung gezeichnet, geriet Anfang der 1980er Jahre in den Bereich, den die Planungen des Kombinats für die Erweiterung des Tagebaus vorsahen.
Was diese Ankündigung für ein Dorf bedeutete, lässt sich aus heutiger Perspektive kaum noch nachempfinden, so gründlich, wie diese Vorgänge in der öffentlichen Erinnerung inzwischen verblasst sind. Es bedeutete zunächst Jahre der Unsicherheit, in denen niemand genau wusste, wann der eigene Hof, die eigene Kirche, der eigene Friedhof an der Reihe sein würde, gefolgt von einer Phase, in der die Umsiedlung selbst mit bürokratischer Präzision organisiert wurde – neue Wohnungen wurden zugewiesen, oft in gesichtslosen Neubaugebieten weit außerhalb der vertrauten Landschaft, Entschädigungen wurden nach festen Sätzen berechnet, und was nicht in diese Sätze passte – die Erinnerung an einen bestimmten Baum, an einen bestimmten Weg, an ein bestimmtes Licht am Abend über der Weide – ließ sich in keiner Akte festhalten.
Gotthold Kieseling, so die spärlichen erhaltenen Unterlagen der kirchlichen Verwaltung, wurde 1982 offiziell über die bevorstehende Auflösung seiner Gemeinde informiert. Er war zu diesem Zeitpunkt einundsiebzig Jahre alt, weit über das übliche Pensionsalter eines Landpfarrers hinaus, doch die kirchliche Aufsicht hatte, wie es in einem knappen Vermerk heißt, „auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin" von einer früheren Emeritierung abgesehen. Man kann diesem einen Satz eine ganze eigene Geschichte entnehmen: dass Gotthold Kieseling, allen Andeutungen zufolge ein Mann, der seit Jahren mit etwas rang, das über die gewöhnlichen Sorgen eines Landpfarrers weit hinausging, sich mit aller Kraft an das klammerte, was ihm noch geblieben war – seine Gemeinde, seinen Ort, das Fleckchen Erde, auf dem sich, wie er glaubte oder wie er zumindest seinen Zuhörern in immer eindringlicheren Bildern zu vermitteln versuchte, etwas ereignet hatte, das größer war als er selbst.
IV. Die letzten Monate
Die letzten anderthalb Jahre vor der endgültigen Devastierung Poselkows, die im Spätsommer 1984 abgeschlossen wurde, sind schlechter dokumentiert als jede andere Phase in Gottholds Leben – was insofern bezeichnend ist, als es sich um jene Phase handelt, in der eigentlich am meisten geschrieben, protokolliert und archiviert wurde, allein schon wegen der bürokratischen Abwicklung der Umsiedlung selbst. Es ist, als hätte sich Gotthold Kieseling in dieser Zeit bewusst aus jeder amtlichen Erfassung zurückgezogen, während um ihn herum jeder Hof, jedes Grundstück, jede einzelne Person in Akten festgehalten wurde.
Was sich aus den wenigen erhaltenen Fragmenten rekonstruieren lässt, deutet auf einen Mann hin, der die letzten Monate seiner Gemeinde nicht mit der bürokratischen Abwicklung verbrachte, sondern mit etwas, das man am ehesten als eine Art Bestandsaufnahme bezeichnen könnte – nicht der materiellen Werte des Dorfes, sondern seiner Erinnerung. Zwei ehemalige Poselkower, die 1998 für das bereits erwähnte Heimatprojekt befragt wurden, berichteten übereinstimmend, Gotthold sei in jenen letzten Monaten häufig mit einer alten Ledertasche durchs Dorf gegangen, in der er, wie einer der Befragten es beschrieb, „alles hineinsteckte, was nicht niet- und nagelfest war und trotzdem irgendwie zu uns gehörte" – ein loser Ziegel von der alten Schule, ein rostiges Stück vom Zaun der Kirchweide, getrocknete Blumen vom Altar, Zeichnungen, die er selbst über die Jahre angefertigt hatte.
Unter diesen Zeichnungen, so deutet eine einzige, knappe Randbemerkung in den erhaltenen Notizen des Heimatprojekts an, befanden sich auch „die komischen Bilder von den Pilzschnecken und den langen dünnen Leuten", die Gotthold, wie sich der befragte Zeitzeuge noch gut erinnerte, niemandem mehr zeigen wollte, obwohl er sie all die Jahre zuvor durchaus offen mit sich herumgetragen und, wenn man ihn danach fragte, bereitwillig erklärt hatte. In den letzten Monaten vor der Devastierung, so der Eindruck, den mehrere Berichte übereinstimmend vermitteln, zog er sich mit diesen Aufzeichnungen zunehmend zurück – als bereite er sich nicht auf einen Umzug in eine neue Wohnung vor, sondern auf etwas anderes, für das er allein verantwortlich sein wollte.
Die letzte gesicherte amtliche Erwähnung Gotthold Kieselings datiert vom 14. Juni 1984, ein knapper Eintrag in der Umsiedlungsliste des zuständigen Rates des Kreises, der ihm eine Wohnung in einem Neubaublock in Gräfenhainichen zuwies – Zimmer, Küche, Bad, im dritten Stock, wie es in der nüchternen Sprache der Verwaltung heißt. Ob er diese Wohnung je bezogen hat, lässt sich aus keiner der überlieferten Quellen mehr sicher rekonstruieren. Der Umzugstermin war für den 30. Juli 1984 vorgesehen, wenige Wochen bevor die letzten Bagger über das Gelände zogen, auf dem einst die Kirche von Poselkow gestanden hatte. In der Einwohnermeldekartei von Gräfenhainichen, die für jene Jahre nur noch lückenhaft erhalten ist, findet sich kein Eintrag für einen Gotthold Kieseling. In den Sterberegistern des gesamten Kreises Wittenberg, wie sie später von einer Archivarin des Kreisarchivs durchgesehen wurden, ebenso wenig.
V. Was von ihm blieb — und was weiterging
Was mit Gotthold Kieseling in jenen Wochen zwischen dem letzten Aktenvermerk im Juni und der endgültigen Devastierung des Dorfes im Spätsommer 1984 geschah, lässt sich mit den Mitteln dieser Chronik nicht klären, so wenig, wie sich klären lässt, was ihm 1975 in jener Julinacht in seiner eigenen Kirche begegnete, oder was mit den drei Kühen geschah, die im Frühjahr 1976 spurlos von einer nahen Weide verschwanden. Was bleibt, ist ein Muster, das sich durch diese gesamte Chronik zieht wie ein roter Faden, der nie ganz zu Ende gesponnen wird: Menschen, Tiere, ein ganzes Dorf – sie verschwinden nicht mit einem Knall, sondern lautlos, ohne beschädigten Zaun, ohne offenes Tor, ohne einen einzigen amtlichen Vermerk, der festhält, was wirklich geschah.
Die Kirche von Poselkow wurde im August 1984 abgerissen, ihre Glocke, wie es in einem einzigen erhaltenen Protokoll heißt, „der Nachbargemeinde Bösewig zur weiteren Verwendung überlassen". Das Dorf selbst existiert seither nicht mehr – an seiner Stelle liegt heute, weit über dreißig Jahre nach dem Ende des Tagebaubetriebs und der anschließenden Rekultivierung der Region, eine der zahlreichen künstlich angelegten Seenlandschaften, die aus den stillgelegten Tagebauen Sachsen-Anhalts entstanden sind – Wasser, wo einst Häuser, ein Marktplatz, eine Kirche und eine Weide mit drei verschwundenen Kühen gewesen waren, glatt und ruhig an der Oberfläche, undurchsichtig in der Tiefe.
Gottholds Sohn – der Vater von Klaus Peter, über den die Familie ebenfalls nur wenig sprach – war zum Zeitpunkt der Devastierung bereits seit vielen Jahren aus Poselkow fortgezogen, hatte in einer anderen Stadt eine eigene Familie gegründet und den Kontakt zu seinem Vater, aus Gründen, die in keiner der erhaltenen Unterlagen dargelegt werden, schon lange vor 1984 auf ein Minimum reduziert. Klaus Peter selbst, geboren 1961, war zum Zeitpunkt des Verschwindens seines Großvaters bereits dreiundzwanzig Jahre alt und hatte Gotthold, wie er es später selbst in einer seiner eigenen Notizen festhielt, „vielleicht ein Dutzend Mal im ganzen Leben gesehen, und jedes Mal kam es mir vor, als würde er mich ansehen, als hätte er mich schon einmal woanders getroffen."
Die ersten der Träume, die diese gesamte Chronik in Gang setzten, begannen bei Klaus Peter, soweit sich das aus seinen eigenen, nicht immer präzise datierten Aufzeichnungen rekonstruieren lässt, erst mehrere Jahre nach dem Verschwinden seines Großvaters – nicht unmittelbar danach, was eine einfache Erklärung als Trauerreaktion nahegelegt hätte, sondern in einer Phase seines Lebens, in der er, wie er selbst schreibt, „kaum noch an ihn dachte" und von der Devastierung Poselkows, dem Ort, an dem sein Großvater die längste Zeit seines Lebens verbracht hatte, nur eine vage, aus Kindheitserzählungen stammende Ahnung besaß, ohne die Einzelheiten zu kennen, die diese Chronik erst später zusammentrug.
Es ist diese zeitliche und geografische Distanz, die die Frage, welche diese gesamte Chronik seit ihrem Prolog begleitet, noch einmal auf eine neue Weise stellt. Ein Mann, der von seinem Großvater kaum etwas wusste, der die Geschichte von Poselkow, den Schleimschnecken, der Gestalt in der Kirche nicht kannte, begann Jahrzehnte später, unabhängig von jeder ihm bekannten Quelle, dieselbe Welt zu träumen, die sein Großvater, wie es scheint, bereits Jahre zuvor gesehen, gezeichnet und schließlich mit sich genommen hatte, als das Dorf, dem er sein Leben gewidmet hatte, für immer unter Wasser verschwand. Ob dies bedeutet, dass etwas von Gotthold Kieseling – ein Wissen, eine Erinnerung, ein Ruf, der über eine Generation hinweg unbeantwortet blieb – auf seinen Enkel überging, auf eine Weise, die sich weder biologisch noch psychologisch vollständig erklären lässt, oder ob es sich, wie die nüchternste aller möglichen Lesarten nahelegt, um einen jener seltenen, aber dokumentierten Fälle handelt, in denen ähnliche Bildwelten unabhängig voneinander in verwandten Köpfen entstehen, ohne dass eine tiefere Verbindung dahintersteckt – diese Frage bleibt, wie so vieles in dieser Chronik, letztlich unbeantwortet.
Was bleibt, ist ein Satz, den Klaus Peter Kieseling an den Rand einer seiner letzten Zeichnungen schrieb, kurz bevor die Aufzeichnungen, aus denen diese Chronik zusammengestellt wurde, selbst abbrechen, ohne dass sich sagen ließe, warum: „Ich glaube, mein Großvater hat mir etwas hinterlassen, das er selbst nie in Worte fassen konnte. Vielleicht sind diese Träume die einzige Sprache, in der es sich weitergeben ließ." Und irgendwo, zwischen einem Dorf, das heute ein See ist, und einem Sternhaufen, der vierunddreißig Millionen Jahre alt ist, wartet vielleicht wirklich noch etwas darauf, dass es wieder feucht wird.
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