Seht die Welt durch meine Augen
Die Geschichte einer Welt die nicht unsere ist
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Die Chronik von M67 — Teil 6
Der Sohn, der ging: Reinhard Kieseling und das Sonderreferat
I. Der Junge, der nicht glauben wollte
Reinhard Kieseling, geboren 1938 als einziges Kind Gottholds und seiner Frau Marlene, die 1953 an einer Lungenentzündung starb, wuchs in einem Pfarrhaus auf, das ihm, je älter er wurde, desto enger vorkam. Er war, das berichten die wenigen erhaltenen Schulzeugnisse und die noch spärlicheren Erinnerungen ehemaliger Poselkower übereinstimmend, ein außergewöhnlich begabter Junge, fasziniert von allem, was sich messen, berechnen und auseinanderbauen ließ – ein Junge, der lieber die Funktionsweise der Dorfpumpe verstand, als in der Bibelstunde seines Vaters zu sitzen.
Das eigentliche Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn, soweit es sich rekonstruieren lässt, geschah nicht schleichend, sondern an einem einzigen Abend im Juli 1975. Reinhard war zu diesem Zeitpunkt bereits siebenunddreißig, längst ausgezogen, verheiratet, Vater eines vierzehnjährigen Sohnes namens Klaus Peter, und nur zufällig, wegen eines familiären Besuchs, an jenem Abend in Poselkow, als sein Vater mit aschfahlem Gesicht aus der Kirche kam und ihm, kaum dass er die Tür hinter sich geschlossen hatte, in fahrigen, kaum zusammenhängenden Sätzen von einer Gestalt berichtete, die er dort gesehen habe – hoher Schädel, große dunkle Augen, ein Gewand wie ein Talar.
Was in dieser Nacht zwischen Vater und Sohn gesprochen wurde, ist in keiner Quelle wörtlich überliefert, doch die Folgen lassen sich klar datieren. Reinhard, der Ingenieur, der Rationalist, der sein ganzes Leben der Überzeugung gewidmet hatte, dass sich jedes Phänomen am Ende auf Physik zurückführen lasse, wenn man nur genau genug hinsähe, konnte oder wollte die Erklärung seines Vaters nicht annehmen. Er reiste, so berichten es spätere Notizen seines eigenen Sohnes Klaus Peter, noch in derselben Nacht ab, und der Kontakt zwischen Vater und Sohn, der ohnehin nie eng gewesen war, brach in den folgenden Jahren fast vollständig ab. Nicht aus Gleichgültigkeit, wie Klaus Peter viele Jahre später in seinen eigenen Aufzeichnungen vermutete, sondern, wie er es in einem bemerkenswert scharfsinnigen Satz formulierte, „weil mein Vater es nicht ertrug, dass sein eigener Vater ihm etwas erzählte, das er nicht widerlegen konnte, ohne es sich anzusehen – und ansehen wollte er es um keinen Preis."
II. Was Reinhard nicht wusste, dass er schon besaß
Die bittere Ironie dieser Geschichte, die sich erst aus späteren, zusammengetragenen Fragmenten erschließt, liegt darin, dass Reinhard Kieseling, der die Geschichte seines Vaters so entschieden von sich wies, selbst längst mit etwas in Berührung gekommen war, das sich in keiner seiner ingenieurwissenschaftlichen Kategorien unterbringen ließ – ohne dass er es zunächst mit Poselkow in Verbindung brachte.
Gotthold hatte, wie sich aus einem einzigen erhaltenen, undatierten Brief rekonstruieren lässt, der sich in Reinhards Nachlass fand, seinem Sohn bereits Jahre vor jener Julinacht 1975 ein kleines, in Wachstuch gewickeltes Päckchen zukommen lassen, mit der knappen Notiz, es handle sich um „einen Fund vom Waldrand, den vielleicht du besser verstehst als ich" – eine typische Geste des Vaters, dachte sich Reinhard damals, der seinem technikbegeisterten Sohn gelegentlich Fundstücke schickte, in der stillen Hoffnung, dadurch eine Brücke zu bauen, die das Gespräch selbst nicht mehr leisten konnte. Reinhard, so seine eigenen späteren Notizen, legte das Päckchen zunächst achtlos in eine Schublade seiner Werkstatt, ohne es zu öffnen.
Erst Jahre später, 1979, als er im Rahmen seiner Arbeit an einem metallurgischen Forschungsinstitut in Dresden mit der Untersuchung ungewöhnlicher Legierungen befasst war, erinnerte er sich an das Päckchen und ließ das darin enthaltene Fragment – ein daumengroßes, ungewöhnlich leichtes und zugleich außergewöhnlich hartes Metallstück, dessen Oberfläche in einem Muster geriffelt war, das an keine bekannte industrielle Fertigungstechnik erinnerte – in seinem eigenen Labor analysieren. Was die Analyse ergab, hielt er zunächst für einen Messfehler: eine Legierung, deren Zusammensetzung sich mit den verfügbaren Methoden nicht vollständig bestimmen ließ, mit einer Kristallstruktur, die, wie es in einem internen, später als geheim eingestuften Vermerk heißt, „unter irdischen Druck- und Temperaturbedingungen nicht reproduzierbar" war.
Reinhard, der pragmatische Ingenieur, zog daraus keine kosmischen Schlüsse. Er vermutete einen Meteoritenfund, vielleicht ein Fragment eines militärischen Testkörpers, dessen Herkunft irgendwo in den Verwicklungen des Kalten Krieges verborgen lag – eine Erklärung, die ihm, wie er es selbst formulierte, „unendlich viel angenehmer" erschien als jede Verbindung zu dem, was sein Vater ihm Jahre zuvor erzählt hatte. Doch die Meldung über den ungewöhnlichen Fund, die er im Rahmen der üblichen Berichtspflichten seines Instituts einreichte, verließ sein Labor und geriet, wie es in einer Gesellschaft mit derart engmaschiger Überwachung wissenschaftlicher Einrichtungen kaum anders zu erwarten war, auf Umwegen in Hände, die weit über die Zuständigkeit eines metallurgischen Forschungsinstituts hinausreichten.
III. Das Sonderreferat
Was in der DDR unter dem internen, nie offiziell veröffentlichten Namen Sonderreferat 7 der Hauptverwaltung Aufklärung firmierte, war, soweit sich aus den wenigen nach 1990 aufgetauchten und teils noch immer widersprüchlichen Fragmenten rekonstruieren lässt, eine kleine, streng abgeschottete Arbeitsgruppe, deren offizieller Auftrag in keinem regulären Organigramm der Staatssicherheit auftauchte. Ihre inoffizielle Aufgabe, wie sie einem der wenigen später aussagebereiten ehemaligen Mitarbeiter zufolge lautete, war die Sichtung, Bewertung und, wo nötig, Unterdrückung von Berichten über „Anomalien" – ein bewusst vage gehaltener Sammelbegriff, unter den, wie sich aus den überlieferten Aktenfragmenten schließen lässt, alles fiel, was sich weder physikalisch noch ideologisch in das offizielle Weltbild des Staates einfügen ließ: ungewöhnliche Himmelserscheinungen, unerklärliche Materialfunde, Berichte über missgestaltete Tiere in bestimmten Waldgebieten des Landes – und, wie ein einziges, halb geschwärztes Dokument andeutet, mindestens ein Vorfall aus dem Jahr 1975 „im Bereich Wittenberg, Ortslage P.".
Reinhard Kieseling wurde 1980, wenige Monate nach seiner Materialanalyse, zu einem Gespräch geladen, das er später, in einer seiner wenigen erhaltenen privaten Notizen, als „das unangenehmste meines Lebens" bezeichnete – nicht, weil man ihm gedroht hätte, sondern weil man ihm, wie er schreibt, mit einer Höflichkeit begegnete, die ihm mehr Angst einjagte als jede offene Drohung es vermocht hätte. Man bot ihm, unter Verweis auf sein außergewöhnliches technisches Talent, eine Position in einem „interdisziplinären Forschungsprojekt von besonderer staatlicher Bedeutung" an, deren genauer Inhalt ihm erst nach und nach, in kleinen, sorgfältig dosierten Schritten, offenbart wurde. Ein Rückzug, so machte man ihm unmissverständlich klar, war zu diesem Zeitpunkt keine Option mehr, die er ernsthaft in Betracht ziehen konnte.
In den folgenden Jahren, so lässt sich aus den fragmentarisch erhaltenen Unterlagen rekonstruieren, wurde Reinhard Teil eines kleinen, hochspezialisierten Teams, das sich mit der Analyse und, wo möglich, der technologischen Nutzbarmachung von Materialien befasste, deren Herkunft in keinem der Berichte, die Reinhard selbst je zu Gesicht bekam, konkret benannt wurde – eine bewusste Kompartimentierung, wie sie für Geheimdienstoperationen dieser Art typisch war, bei der einzelne Mitarbeiter stets nur so viel erfuhren, wie für ihre eigene Teilaufgabe unbedingt nötig war. Reinhard selbst, so seine eigenen, in Andeutungen gehaltenen späteren Notizen, ahnte über Jahre hinweg, ohne es beweisen zu können, dass die Materialien, mit denen er arbeitete, aus mehr als nur einer einzigen Quelle stammten – dass sein eigener Fund vom Waldrand bei Poselkow nur eines von mehreren ähnlichen Fundstücken war, die in verschiedenen Teilen des Ostblocks und, wie sich später andeutete, auch jenseits des Eisernen Vorhangs aufgetaucht waren.
IV. Der Milliardenkredit und die Fracht, die niemand benannte
Es gehört zu den tatsächlich belegten, keineswegs fiktiven Kapiteln der deutsch-deutschen Geschichte, dass Alexander Schalck-Golodkowski, als Leiter des Bereichs Kommerzielle Koordinierung einer der zentralen Devisenbeschaffer der DDR, im Sommer 1983 maßgeblich an der Vermittlung eines westdeutschen Milliardenkredits an die DDR beteiligt war, der letztlich mit Billigung des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß zustande kam – ein Vorgang, der in der Geschichtsschreibung der deutsch-deutschen Beziehungen ausführlich dokumentiert ist und über den es keiner Spekulation bedarf. Was in dieser Chronik hinzugefügt werden soll, betrifft nicht diesen realen Vorgang selbst, sondern etwas, das sich, wenn man den Andeutungen in Reinhards Nachlass folgt, in seinem Windschatten abgespielt haben könnte.
Der KoKo-Apparat, den Schalck-Golodkowski leitete, war für seine Fähigkeit bekannt, auch unter den strengen Bedingungen des Kalten Krieges ungewöhnliche Waren über die innerdeutsche Grenze zu bewegen, verschleiert unter dem Deckmantel gewöhnlicher Handelsgeschäfte – von Kunstschätzen bis zu seltenen Rohstoffen. Reinhards eigene, nie vollständig ausformulierte Vermutung, die sich nur in wenigen kryptischen Randbemerkungen seines Nachlasses findet, lautet, dass ein kleiner, streng geheim gehaltener Teil der im Zuge solcher Handelsgeschäfte über die Grenze bewegten Fracht in Wahrheit nichts mit den offiziell deklarierten Waren zu tun hatte – dass unter dem Schutz der ohnehin schon diskreten Kanäle, die Schalck-Golodkowskis Apparat unterhielt, auch Materialproben und Untersuchungsergebnisse aus dem Sonderreferat auf Wegen in den Westen gelangten, die mit dem offiziellen Milliardenkredit rein gar nichts zu tun hatten, sich aber, wie Reinhard es einmal notierte, „im selben Schatten bewegten, weil ein Schatten, einmal geworfen, groß genug ist für mehr als eine Sache."
Es sei an dieser Stelle noch einmal betont: Es gibt keinerlei belastbaren historischen Beleg dafür, dass Schalck-Golodkowski oder Strauß selbst je etwas von einem „Sonderreferat 7" oder von anomalen Materialfunden wussten, geschweige denn daran mitwirkten – und diese Chronik behauptet auch nicht, dass sie es taten. Was sie behauptet, ist lediglich, dass ein System, das für seine Fähigkeit bekannt war, ungewöhnliche Dinge unauffällig zu bewegen, für ein kleines, isoliertes Sonderreferat wie das, in dem Reinhard arbeitete, eine verlockende, weil bereits vorhandene Infrastruktur darstellte – genutzt, wie Reinhards eigene Notizen andeuten, von Personen weit unterhalb der politischen Führungsebene, die die großen, öffentlich bekannten Kanäle für ihre eigenen, viel kleineren und viel geheimeren Zwecke mitbenutzten, ohne dass die eigentlichen Verhandlungspartner davon je erfuhren.
V. Ein Komitee ohne Namen
Was Reinhard erst in den letzten Jahren vor dem Ende der DDR zu ahnen begann – und was ihn, wie seine immer fragmentarischer werdenden Notizen aus dieser Zeit nahelegen, zunehmend in einen Zustand tiefer Verstörung versetzte –, war das Ausmaß dessen, was sich hinter dem unscheinbaren Namen „Sonderreferat" tatsächlich verbarg. Es war, wie er es selbst in einer seiner letzten zusammenhängenden Notizen von 1988 festhielt, „kein deutsches Projekt, wie ich lange glaubte, sondern ein Faden in einem viel größeren Gewebe, das ich erst sah, als ich versehentlich zu weit an ihm zog."
Was sich aus diesen letzten Notizen sowie aus einigen nach 1990 in unterschiedlichen Archiven west- und osteuropäischer Nachrichtendienste aufgetauchten, bis heute nur teilweise deklassifizierten Fragmenten rekonstruieren lässt, deutet auf die Existenz eines informellen, nie schriftlich fixierten Austauschs zwischen einzelnen Sonderabteilungen mehrerer Geheimdienste hin – ein Gremium ohne offiziellen Namen, das Reinhard in seinen eigenen Aufzeichnungen nur als „das Komitee" bezeichnet, dessen Mitglieder, soweit erkennbar, aus dem sowjetischen, dem US-amerikanischen, dem britischen und mindestens einem westdeutschen Dienst stammten und das, allen ideologischen Gräben des Kalten Krieges zum Trotz, in der Frage der „Anomalien" zu einer stillschweigenden Zusammenarbeit fand, die keiner der beteiligten Regierungen je offiziell bekannt war.
Der Kern dessen, was dieses Komitee zusammenhielt, war, folgt man Reinhards eigenen, notwendigerweise unvollständigen Rekonstruktionen, die gemeinsame Erkenntnis, dass die vereinzelten Berichte über anomale Materialfunde, missgestaltete Kreaturen und – in den seltensten, am striktesten geheim gehaltenen Fällen – direkte Begegnungen mit Wesen, die keiner bekannten irdischen Spezies zuzuordnen waren, keine isolierten nationalen Phänomene darstellten, sondern Ausläufer eines einzigen, viel größeren Vorgangs: dass sich, wie es in einem der wenigen im Wortlaut überlieferten Vermerke heißt, „die gewohnte Trennung zwischen unserer Zeitlinie und mindestens einer weiteren an bestimmten Punkten als durchlässig erwiesen hat" – eine Formulierung, die auffällig an das erinnert, was Vexor, der Prophet der Technologie, Jahrmillionen zuvor über die Tube gesagt haben soll: dass die Grenze zwischen den Welten nie so fest gewesen sei, wie man geglaubt habe.
Keine Regierung, so ließe sich aus dem, was von Reinhards Aufzeichnungen erhalten blieb, schließen, hätte es sich politisch leisten können, öffentlich zuzugeben, dass sie Kenntnis von etwas hatte, das sich weder militärisch kontrollieren noch der eigenen Bevölkerung erklären ließ, ohne einen Vertrauensverlust auszulösen, der jedes bestehende System – ob im Osten oder im Westen – ins Wanken gebracht hätte. Die Geheimhaltung, so Reinhards bitteres Fazit in einer seiner letzten Notizen, war also keine Verschwörung im klassischen Sinn, kein zentral gesteuerter Plan, sondern etwas viel Banaleres und gerade deshalb viel Wirksameres: die stille, nie ausgesprochene Übereinkunft aller Beteiligten, dass Schweigen für jeden Einzelnen von ihnen die bequemere Wahl war.
VI. Der Bruch, der blieb
Reinhard Kieseling überlebte das Ende der DDR, doch er trat, wie es scheint, mit dem Zusammenbruch des Systems, das ihn seit 1980 in seinen Dienst gezwungen hatte, nicht in ein neues, offeneres Leben ein. Er zog sich, den wenigen erhaltenen Unterlagen zufolge, in den frühen 1990er Jahren fast vollständig aus dem öffentlichen Leben zurück, arbeitete in den folgenden Jahren als freier technischer Gutachter, unauffällig, unter dem Radar jeder größeren Institution, und vermied, wie sein Sohn Klaus Peter es später formulierte, „jedes Gespräch, das auch nur in die Nähe dessen kam, was er all die Jahre für sich behalten musste."
Der Kontakt zwischen Reinhard und Klaus Peter, der bereits durch die frühe Entfremdung zwischen Reinhard und seinem eigenen Vater Gotthold vorgezeichnet war, blieb auch in den folgenden Jahrzehnten auf ein Minimum beschränkt – nicht aus Lieblosigkeit, wie Klaus Peter es rückblickend zu verstehen begann, sondern aus etwas, das er erst spät als eine Art Schutzmaßnahme zu deuten lernte: „Ich glaube", schreibt er in einer seiner letzten Notizen zu diesem Thema, „mein Vater hat mich nicht aus Kälte auf Distanz gehalten, sondern weil er genau wusste, was es bedeutet, in eine Sache hineingezogen zu werden, aus der es kein Zurück mehr gibt – und weil er, auf seine eigene, verschlossene Art, wollte, dass wenigstens ich davon verschont bleibe."
Es ist eine der bittersten Ironien dieser gesamten Chronik, dass genau diese Schutzmaßnahme am Ende ins Leere lief. Klaus Peter Kieseling, der von der Geschichte seines Vaters und seines Großvaters über Jahrzehnte praktisch nichts wusste, begann dennoch, unabhängig von jeder ihm bekannten Quelle, dieselbe Welt zu träumen, die sein Großvater gesehen und sein Vater ein Leben lang zu verdrängen versucht hatte – als hätte sich das, wovor Reinhard seinen Sohn bewahren wollte, nicht durch Schweigen aufhalten lassen, sondern einen anderen, stilleren Weg gefunden, um doch noch weiterzugehen.
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