Seht die Welt durch meine Augen
Die Geschichte einer Welt die nicht unsere ist
KI generierter Artikel. Für die Richtigkeit der Fakten keine Gewähr.
Die Chronik von M67 — Teil 7
Klaus Peters Entdeckung: Die Akte Poselkow
I. Ein Beruf, der ihn zurückführte, ohne dass er es wollte
Klaus Peter Kieseling hatte, anders als sein Vater, nie versucht, sich von der Vergangenheit fernzuhalten – er wusste schlicht zu wenig von ihr, um sich bewusst von etwas fernhalten zu können. Nach dem Abitur 1980 und einem wenig geradlinigen Studienweg, der ihn über die Physik, die er nach zwei Semestern wieder aufgab, schließlich zur Geschichte und zum Archivwesen führte, arbeitete er seit Mitte der Neunzigerjahre als freier Mitarbeiter für verschiedene kommunale und kirchliche Archive in Sachsen-Anhalt – eine Tätigkeit, die ihm, wie er selbst später schrieb, „genau die richtige Mischung aus Ordnung und Überraschung" bot, um mit den Träumen zu leben, die ihn zu dieser Zeit schon seit Jahren begleiteten, ohne dass er sie irgendjemandem erklären konnte, geschweige denn sich selbst.
Es war reiner Zufall, oder etwas, das nur wie Zufall aussah, dass ihn im Sommer 2003 ein befristeter Auftrag ausgerechnet ins Kreisarchiv Wittenberg führte – ein Auftrag, den er, wie aus seinen eigenen späteren Aufzeichnungen hervorgeht, ohne besonderes Interesse annahm, weil er, wie so oft in jenen Jahren, schlicht Arbeit brauchte. Er wusste zu diesem Zeitpunkt, dass sein Großvater irgendwo in dieser Gegend Pfarrer gewesen war – so viel hatte man ihm als Kind beiläufig erzählt –, doch der Name des Ortes war ihm entweder nie genannt worden oder im Laufe der Jahre wieder entfallen, und „Kieseling" war, wie er selbst bemerkte, kein Name, der einen sofort stutzig machte, wenn man ihm in einem Aktenordner begegnete. Was in den folgenden Wochen geschah, hielt er später in eigenen, sorgfältig ausformulierten Notizen fest, die er nie zur Veröffentlichung bestimmt hatte und die erst nach seinem eigenen Verschwinden – von dem noch zu berichten sein wird – unter seinen Unterlagen gefunden wurden. Sie folgen hier, so unverändert wie möglich, denn kein nachträglicher Kommentar könnte ihre eigentümliche Mischung aus professioneller Distanz und wachsendem Entsetzen besser wiedergeben, als sie es selbst tun.
II. Klaus Peters eigene Aufzeichnung: Die Akte Poselkow
Was zwischen Kirchenmauern, Waldboden und Weidezaun liegen blieb
Am Ende des Sommers 2003 saß ich im Keller des Kreisarchivs Wittenberg zwischen sechs Umzugskartons, die seit der Wende niemand mehr angerührt hatte. Mein Auftrag war unspektakulär: den Bestand der eingegangenen Lokalzeitungen sichten, das Brauchbare digitalisieren, den Rest zur Makulatur geben. Der „Poselkower Landbote" gehörte zu den Titeln, die ich noch nie gehört hatte – ein vierseitiges Wochenblatt, gedruckt in einer Auflage, die kaum die eigene Gemeinde gefüllt haben dürfte. Ich hätte den Karton mit den Jahrgängen 1975 und 1976 fast ungeöffnet weitergereicht. Fast.
Was mich aufhielt, war eine schmale braune Mappe, lose zwischen zwei Zeitungsstapeln geklemmt, mit der Aufschrift „VERTRAULICH" in rotem Stempel. Kein Aktenzeichen des Kreisarchivs, kein Eingangsvermerk der Verwaltung – nur eine handgeschriebene Nummer: 1975-POS-001. Ich öffnete sie, weil man solche Dinge öffnet, wenn man den ganzen Tag ohnehin nur Papier bewegt.
Ein Polaroid fiel mir entgegen. Darauf eine Dorfkirche, Kirchenbänke im Halbdunkel, und mittendrin eine Gestalt, die weder Mensch noch etwas anderes war, das ich hätte benennen können – hoher, kahler Schädel, riesige dunkle Augen, ein Gewand wie ein Talar, barfuß auf den Steinfliesen. Unter dem Foto stand in blauer Tinte: „Poselkow – 12.07.1975." Der Aktenvermerk darüber war knapp und, wie mir schien, bewusst nüchtern gehalten: „Tatbestand: Unbekannte Lebensform in Kirche." Eingegangen zwei Tage später, am 14. Juli. Kein Ermittler namentlich genannt. Kein Vermerk, was danach geschah.
Ich legte das Foto beiseite, so wie man eine Sache beiseitelegt, von der man noch nicht weiß, ob sie einen Scherz oder eine Wahrheit birgt, und arbeitete mich weiter durch den Karton. Und je tiefer ich grub, desto klarer wurde: Dieser eine Fund stand nicht für sich.
Fünf Monate später, im Dezember desselben Jahres, brachte der „Landbote" eine Titelgeschichte, geschrieben mit derselben angestrengten Sachlichkeit wie die Polizeiakte. Pilzartige Schleimschnecken, hieß es dort, seien im Forst bei Poselkow gesichtet worden – „Kreaturen", wie der unbekannte Redakteur sie nannte, zuerst entdeckt von einem gewissen Pfarrer Kieseling. Der Geistliche, so der Artikel weiter, habe die Funde als invasive Art eingestuft und sie im selben Atemzug als außerirdische Spezies deklariert. Am Rand, in einer Spalte, die aussah, als sei sie in letzter Minute noch hineingequetscht worden, stand ein einziger Satz, unterstrichen: „Haben die Aliens vom Sommer damit zu tun?"
Kieseling. Ich weiß noch, wie ich bei diesem Wort kurz innehielt – nicht aus Ahnung, muss ich ehrlich zugeben, sondern nur, weil es der Name war, den ich selbst trug, und man bei so etwas eben einen Moment lang hängenbleibt, auch wenn der Verstand einem sofort zuflüstert, dass es sich um einen der häufigeren deutschen Namen handelt, dass es Dutzende, Hunderte Kieselings geben muss, die mit einem selbst in keinerlei Verbindung stehen. Ich schrieb den Namen dennoch in mein Notizbuch, mit einem kleinen Fragezeichen daneben, das ich mir selbst nicht ganz erklären konnte.
Derselbe Name, der mir schon bei der Polizeiakte über den Weg gelaufen war, wenn auch nicht direkt vermerkt – aber welcher Pfarrer sonst hätte im Juli desselben Jahres Grund gehabt, sich mit einer Behörde über „unbekannte Lebensformen" auseinanderzusetzen? In einem zweiten, handbeschrifteten Ordner fand ich Zeichnungen, die diesem Kieseling zugeschrieben wurden – gehalten in einem Stil, wie ihn Alexander von Humboldt für seine amerikanischen Expeditionen verwendet hatte: sorgfältig lavierte Pilzkörper, Fundortangaben, Maßangaben, sogar lateinisch klingende Gattungsnamen, die in keinem mir bekannten Register auftauchten. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, diese Funde zu dokumentieren, als handle es sich um eine ernstzunehmende naturkundliche Entdeckung – nicht um Dorftratsch.
Es war an dieser Stelle, das kann ich heute, während ich diese Notizen noch einmal durchgehe, mit einer Klarheit sagen, die mir damals fehlte, dass mir zum ersten Mal ein Frösteln über den Rücken lief, das nichts mit der Kellerkälte des Archivs zu tun hatte. Ich hatte diese Zeichnungen schon einmal gesehen. Nicht diese hier, nicht diese konkreten Blätter mit ihrer vergilbten Tinte – aber ihre Formen, ihre Proportionen, die Art, wie die Pilzkörper aus dem Waldboden zu wachsen schienen, mit einer Detailtreue, die keine bloße Beobachtung, sondern eine Art Vertrautheit verriet. Ich hatte selbst solche Bilder gezeichnet, Jahre zuvor, nachts, halb im Schlaf, halb wach, ohne dass ich mir je die Mühe gemacht hätte, sie mit irgendetwas anderem als meinem eigenen, unerklärlichen Traumleben in Verbindung zu bringen.
Und dann, ein weiteres halbes Jahr später, die Sache mit den Kühen.
Ich fand den Ausschnitt zusammengefaltet in einem Umschlag, der eigentlich Steuerbescheide der Gemeinde enthalten sollte. Eine Randnotiz des „Landboten", kaum mehr als eine Meldung: drei Kühe, verschwunden von einer Weide bei Poselkow, der Zaun unversehrt, die Polizei ratlos. Doch es blieb nicht bei dieser einen Meldung. Im Mai 1976 – acht Monate nach der ersten Sichtung der Schleimschnecken, zehn Monate nach dem Foto aus der Kirche – erschien ein ausführlicherer Artikel, den ich seither nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Ich zitiere ihn hier, so wie ich ihn in der Mappe fand, Wort für Wort, samt einem kleinen Fehler in der Datumszeile, den entweder der Setzer verschuldet hat oder den jemand ganz bewusst so stehen ließ:
POSELKOWER LANDBOTE — Mai 1976
Das Rätsel von Poselkow: Verschwundene Kühe und wandernde Schleimwesen
Unheimliche Spuren auf der Weide — Forscher prüfen überraschenden Zusammenhang
POSELKOW, 12. August. Seit drei Kühe auf einer Weide bei Poselkow spurlos verschwunden sind, rätseln Landwirte und Anwohner über das ungewöhnliche Ereignis. Der Weidezaun ist unbeschädigt, Hufspuren führen zunächst in Richtung Wald – doch dort verlieren sie sich plötzlich. Stattdessen wurden an mehreren Stellen merkwürdige, pilzartig aussehende Schleimgebilde entdeckt.
Die bislang unbekannten Gebilde erinnern an historische Zeichnungen von Schleimpilzen und Plasmodien. Auf alten naturkundlichen Tafeln werden ähnliche Organismen als schleimige, kriechende Lebensformen beschrieben. Tatsächlich können Schleimpilze erstaunliche Formen annehmen und sich langsam über feuchte Untergründe bewegen.
„Sie waren gestern noch da"
Landwirt Heinrich M. kann sich das Verschwinden seiner Tiere nicht erklären. „Am Abend standen alle Kühe noch auf der Weide. Am nächsten Morgen waren es nur noch drei weniger", berichtet er. Besonders rätselhaft sei, dass weder der Zaun beschädigt noch ein Tor geöffnet worden sei.
Ein Anwohner will in der Nacht zuvor ein „feuchtes Schmatzen" aus Richtung der Weide gehört haben. Am nächsten Morgen entdeckte er dort mehrere ungewöhnliche, fleischige Gebilde zwischen Gras und morschem Holz.
Forscher stoßen auf eine ungewöhnliche Spur
Bei einer ersten Untersuchung wurden die Gebilde fotografiert und mit historischen Abbildungen verglichen. Auffällig sind ihre verzweigten Formen und die schleimige Oberfläche. Einige Exemplare scheinen sogar ihre Position verändert zu haben. Wissenschaftlich bekannt ist, dass bestimmte Schleimpilze als große, vielkernige Zellverbände auftreten und sich kriechend fortbewegen können. Unter günstigen feuchten Bedingungen können sie beträchtliche Ausmaße erreichen.
Ob diese Organismen jedoch irgendetwas mit dem Verschwinden der Kühe zu tun haben, ist völlig ungeklärt.
„Vielleicht haben wir etwas übersehen"
Ein hinzugezogener Biologe warnt davor, vorschnelle Schlüsse zu ziehen: „Ein Zusammenhang zwischen den Schleimgebilden und den verschwundenen Tieren ist bislang reine Spekulation." Dennoch wolle man die Fundstellen genauer untersuchen.
Besonders mysteriös: An einer Stelle wurden neben den Schleimspuren mehrere große Kuhhaare gefunden. Ob sie tatsächlich von den vermissten Tieren stammen, soll eine Laboruntersuchung klären.
Unterdessen kursieren im Dorf bereits die wildesten Theorien. Manche sprechen von einer bislang unbekannten Pilzart, andere von einem unterirdischen Organismus. Ein Bewohner behauptet sogar, in der vergangenen Nacht habe sich „etwas Großes und Glitschiges" über die Wiese bewegt.
Die drei Kühe bleiben verschwunden. Die Schleimwesen sind wieder aufgetaucht.
Und irgendwo zwischen Wald und Weide scheint etwas darauf zu warten, dass es erneut feucht wird.
Was mich an diesem Artikel bis heute umtreibt, ist nicht die Geschichte der Kühe selbst – Tiere verschwinden, Zäune werden übersehen, Wölfe kehren zurück, das alles hat man in ländlichen Gegenden schon oft gehört. Es ist die Beiläufigkeit, mit der der Text die Schleimgebilde einführt, so als hätte die Redaktion längst akzeptiert, dass es sie gibt, und sich nur noch fragte, was sie anrichten. Kein einziges Fragezeichen zur Existenz der Wesen selbst. Nur zur Frage, ob sie etwas mit dem Verschwinden zu tun haben.
Ich habe versucht, den Landwirt Heinrich M. ausfindig zu machen. Das Einwohnermelderegister der Gemeinde Poselkow – heute ein Ortsteil ohne eigene Verwaltung – verzeichnet für die fragliche Zeit tatsächlich einen Heinrich Mehlhorn, geboren 1921, gestorben 1989. Keine Versicherungsakte über den Verlust der Tiere, kein Vermerk in den Sitzungsprotokollen der Gemeindevertretung, obwohl ein Ereignis dieser Größenordnung in einem Dorf mit knapp vierhundert Einwohnern eigentlich tagelang Gesprächsstoff gewesen sein müsste. Es ist, als hätte man die Sache bewusst aus den offiziellen Kanälen herausgehalten und nur dem Lokalblatt überlassen, das ohnehin kaum jemand außerhalb der Gemeinde las.
Auch Pfarrer Kieseling verliert sich in den Akten. Das Pfarramt Poselkow wurde 1978 mit dem Nachbarort zusammengelegt, sein Name taucht in keinem Kirchenbuch der Umgebung nach 1976 mehr auf. Kein Sterbeeintrag, keine Versetzung. Als hätte er sich, wie die Kühe, einfach aufgelöst.
Ich habe die Mappe, die Zeichnungen und die Zeitungsausschnitte dem Kreisarchiv übergeben, mit der Bitte, sie nicht zu vernichten. Was ich nicht abgegeben habe, ist die Kopie des Polaroids. Es liegt bei mir, zusammen mit meinen Notizen. Manchmal frage ich mich weniger, was in jener Julinacht 1975 tatsächlich in der Kirche von Poselkow stand – sondern wer, fast fünfzig Jahre später, so gründliche Arbeit geleistet hat, dass fast nichts davon übrig blieb. Nur ein Foto, ein paar Zeichnungen, ein paar vergilbte Wochenblätter, die eigentlich längst hätten verschwinden sollen.
Und irgendwo zwischen Waldrand und Weide, heißt es im letzten Satz jenes Mai-Artikels, wartet etwas darauf, dass es wieder feucht wird.
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das als Naturbeobachtung gemeint war.
III. Was er erst später zusammensetzte
Die Notizen brechen an dieser Stelle ab, ohne dass Klaus Peter zu jenem Zeitpunkt, im Spätsommer 2003, die naheliegendste aller Fragen offenbar bereits zu stellen wagte: ob der Pfarrer, dessen Akte er da vor sich liegen hatte, tatsächlich sein eigener Großvater gewesen sein könnte. Erst in einer zweiten, deutlich später verfassten Notiz – undatiert, aber aufgrund der erwähnten Umstände vermutlich aus dem Jahr 2004 oder 2005 stammend – findet sich der Moment, in dem aus dem beiläufigen Fragezeichen neben dem Namen im Notizbuch eine Gewissheit wurde.
Er hatte, wie er dort schreibt, seine eigene Mutter angerufen, die einzige noch lebende Verwandte, die über die Familiengeschichte seines Vaters mütterlicherseits noch verlässlich Auskunft geben konnte, und ihr, ohne den eigentlichen Grund seiner Frage zu nennen, beiläufig nach dem vollen Namen und dem letzten bekannten Wirkungsort seines Großvaters väterlicherseits gefragt – ein Mann, über den in der Familie, wie bereits erwähnt, kaum je gesprochen wurde. Die Antwort, die er erhielt, deckte sich in jedem Detail mit dem, was in der Akte stand: Gotthold Kieseling, Pfarrer, zuletzt in einem kleinen Ort im Landkreis Wittenberg, dessen genauen Namen die Mutter selbst nicht mehr sicher wusste, „irgendetwas mit P, glaube ich, aber frag mich nicht, das ist so lange her, und dein Vater hat darüber sowieso nie gesprochen."
„In diesem Moment", schreibt Klaus Peter in seiner zweiten Notiz, „saß ich mit dem Telefonhörer in der Hand da und wusste plötzlich, dass ich nicht zufällig auf diesen Karton gestoßen war, auch wenn jede vernünftige Erklärung mir sagte, dass es genau das gewesen sein musste – ein Zufall, eine Verwechslung, eine Verwaltungsentscheidung, die mich ausgerechnet in dieses Archiv und ausgerechnet an diesen Karton geführt hatte. Aber ich wusste es trotzdem. So wie man manchmal weiß, dass man aufwacht, kurz bevor der Wecker klingelt."
Was in den folgenden Jahren geschah, ist in den erhaltenen Aufzeichnungen deutlich lückenhafter dokumentiert als der ursprüngliche Fund selbst – als hätte Klaus Peter, konfrontiert mit der Gewissheit, dass sein eigener Großvater der Mann war, der die Schleimschnecken zuerst entdeckt und die Gestalt in der Kirche fotografiert hatte, zunächst nicht gewusst, wie er mit diesem Wissen umgehen sollte, außer es in immer neuen, fragmentarischen Notizen zu umkreisen. Was jedoch klar hervorgeht, ist, dass er begann, gezielt nach weiteren Spuren zu suchen – nicht mehr im Kreisarchiv Wittenberg, dessen Bestände er inzwischen kannte, sondern in den privaten Unterlagen seines eigenen Vaters, zu dem der Kontakt zwar spärlich, aber nie ganz abgebrochen war, und der zu diesem Zeitpunkt, hochbetagt und zunehmend zurückgezogen, in einer kleinen Wohnung in Dresden lebte.
Reinhard Kieseling starb im Winter 2006, im Alter von siebenundsechzig Jahren, an den Folgen eines Schlaganfalls, allein in seiner Wohnung, gefunden erst zwei Tage später von einer besorgten Nachbarin. Es war Klaus Peter, der als einziger noch lebender direkter Angehöriger die Wohnung auflösen musste – eine Aufgabe, die ihn, wie er selbst in einer seiner letzten überlieferten Notizen festhält, „tiefer in die Geschichte meiner eigenen Familie führte, als ich es mir jemals hätte vorstellen können, und die mir am Ende mehr Fragen hinterließ, als sie beantwortete."
In einer verschlossenen, doppelt gesicherten Kassette, versteckt hinter einer losen Rückwand im Kleiderschrank seines Vaters, fand er jene Fragmente, die diese Chronik im vorangegangenen Kapitel bereits ausführlich behandelt hat – handschriftliche Notizen über ein „Sonderreferat 7", über ein namenloses „Komitee", über ein Metallstück, das sein eigener Großvater einst arglos verschickt hatte, und über Jahre stiller, erzwungener Mitarbeit an etwas, das sein Vater, wie es scheint, bis zu seinem Tod als eine Bürde betrachtete, die er mit niemandem teilen durfte – nicht einmal mit dem Sohn, den er, wie sich erst jetzt zeigte, gerade dadurch zu schützen versucht hatte, dass er ihn all die Jahre auf Distanz hielt.
„Ich habe zwei Männer verloren, die ich kaum kannte", schreibt Klaus Peter in einer seiner letzten, fast schon resignierten Notizen zu diesem Thema, „und in beiden Fällen erst erfahren, wer sie wirklich waren, nachdem sie längst nicht mehr da waren, um es mir selbst zu erzählen. Vielleicht ist das der eigentliche Fluch dieser Familie – nicht die Träume, nicht die Schleimschnecken, nicht die Gestalt in der Kirche, sondern dass wir einander nur in dem finden, was übrig bleibt, wenn es zu spät ist, noch danach zu fragen."
Von diesem Punkt an, mit dem Wissen um beide Männer, die vor ihm gekommen waren, begann Klaus Peter Kieseling, seine eigenen Träume nicht mehr als isoliertes, unerklärliches Phänomen zu betrachten, sondern als das, was sie, wie diese Chronik es seither zu zeigen versucht hat, vielleicht schon immer gewesen waren: die Fortsetzung eines Gesprächs, das über zwei Generationen hinweg unterbrochen worden war, ohne dass es je wirklich verstummte.
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