Seht die Welt durch meine Augen
Die Geschichte einer Welt die nicht unsere ist
KI generierter Artikel. Für die Richtigkeit der Fakten keine Gewähr.
Die Chronik von M67 — Teil 8
Klaus Peters Verschwinden
I. Die letzte Reise
Am 9. Oktober 2011 checkte ein Mann, der sich im Gästebuch als „K. Kieseling, Archivar" eintrug, in einer kleinen Pension am Rand der Dübener Heide ein, jenem ausgedehnten Waldgebiet zwischen Wittenberg, Bitterfeld und Bad Düben, das schon zu DDR-Zeiten für seine militärisch genutzten, der Öffentlichkeit weitgehend verschlossenen Areale bekannt gewesen war. Die Pensionswirtin, deren Aussage später in die spärliche Vermisstenakte einging, erinnerte sich an einen ruhigen, höflichen Gast Anfang fünfzig, der sich für „alte Militärgeschichte der Gegend" interessiert habe und am zweiten Tag seines Aufenthalts mit dem Fahrrad in den Wald aufgebrochen sei, mit der Ankündigung, er werde vermutlich erst zum Abendessen zurück sein.
Er kam nicht zum Abendessen zurück. Er kam überhaupt nicht zurück.
Die anschließende Suche, von der lokalen Polizei mit dem für eine ländliche Region üblichen, überschaubaren Aufwand geführt, fand sein Fahrrad zwei Tage später, ordentlich an einen Baum gelehnt, an einem Wegabzweig, der auf keiner offiziellen Wanderkarte verzeichnet war, aber, wie sich aus späteren Recherchen ergab, in unmittelbarer Nähe eines seit den 1990er Jahren als „zurückgebaut" geführten militärischen Sperrgebiets lag. Von Klaus Peter Kieseling selbst fehlte jede Spur – kein Rucksack, keine Jacke, kein Mobiltelefon, das man hätte orten können, weil er, wie die Pensionswirtin bestätigte, „so einen alten Menschen ohne dieses moderne Zeug" gewesen sei, der sich bewusst gegen ein Handy entschieden hatte.
Die Ermittlungen, die in den folgenden Wochen geführt wurden, verliefen sich, wie es die Vermisstenakte trocken und ohne jede erkennbare Ahnung ihrer eigenen Ironie festhält, „ohne belastbare Ergebnisse" – eine Formulierung, die, liest man sie im Licht dieser gesamten Chronik, wie ein Echo klingt: derselbe Zaun, der unbeschädigt blieb. Dasselbe Kirchenbuch, in dem kein Name mehr auftaucht. Derselbe Aktenvermerk, der endet, ohne dass jemand festhält, was danach geschah.
Was von Klaus Peter Kieseling blieb, war, wie schon bei seinem Großvater und, in anderer Form, bei seinem Vater, kein Leichnam und kein Geständnis, sondern Papier – in diesem Fall ein einzelnes, in Wachstuch gewickeltes Notizbuch, das ein Förster im Frühjahr 2012, ein halbes Jahr nach dem Verschwinden, unter einer umgestürzten Kiefer fand, keine dreihundert Meter von jenem Wegabzweig entfernt, an dem das Fahrrad gestanden hatte. Er übergab es, weil er den Namen auf dem Deckblatt für den eines Vermissten hielt, von dem er in der Lokalzeitung gelesen hatte, der Polizei, die es wiederum, mangels erkennbarer strafrechtlicher Relevanz, Monate später an die einzige noch verbliebene Angehörige weiterreichte – eine entfernte Cousine mütterlicherseits, die es schließlich, da sie mit dem Inhalt „nichts anzufangen wusste", jenem Kreisarchiv Wittenberg übergab, in dem Klaus Peter selbst acht Jahre zuvor die Akte seines eigenen Großvaters gefunden hatte. Es ist diesem letzten, fast unwahrscheinlichen Kreis zu verdanken, dass die folgenden Aufzeichnungen heute überhaupt zugänglich sind.
II. Das letzte Notizbuch
Was Klaus Peter in den Tagen vor seinem Verschwinden in dieses Notizbuch schrieb, unterscheidet sich merklich vom nüchternen, archivarischen Ton seiner früheren Aufzeichnungen. Es liest sich, je näher man dem letzten beschriebenen Blatt kommt, immer weniger wie das Werk eines Historikers und immer mehr wie das eines Mannes, der sich selbst dabei zusieht, wie die Grenze zwischen Erinnerung und Traum, von der schon Vexor gesprochen haben soll, für ihn persönlich durchlässig wird.
„Ich habe in den letzten Nächten", schreibt er auf einer der letzten vollständigen Seiten, „nicht mehr geträumt, dass ich M67 besuche. Ich habe geträumt, dass ich mich erinnere. Das ist ein Unterschied, den ich erst jetzt verstehe, und ich fürchte, ich habe nicht mehr viel Zeit, ihn jemandem zu erklären, der es nicht selbst erlebt hat."
Was folgt, über mehrere eng beschriebene Seiten, ist die detaillierteste und zusammenhängendste Schilderung der drei Planeten von M67, die in den gesamten überlieferten Aufzeichnungen der Familie Kieseling zu finden ist – so, als hätte sich in den letzten Tagen vor seinem Verschwinden etwas in ihm gelöst, das ihm zuvor, all die Jahrzehnte über, nur in Fragmenten zugänglich gewesen war.
Er beschreibt die drei Planeten nicht mehr, wie in seinen früheren Notizen, als vage, ineinander verschwimmende Kulisse, sondern mit Namen, die ihm, wie er selbst anmerkt, „einfach zufielen, so wie einem im Traum Namen manchmal zufallen, ohne dass man wüsste, woher": Ilyra, die hellste und am dichtesten besiedelte der drei Welten, auf der die Cyborgs die meisten ihrer Rundhäuser errichteten – kuppelförmige, aus einem lebendig wirkenden, warmen Material gebaute Behausungen, die sich, wie er schreibt, „nicht wie gebaut anfühlten, sondern wie gewachsen, als hätte man einem Samen beigebracht, die Form eines Hauses anzunehmen." Er beschreibt die Innenräume dieser Rundhäuser detailliert – gebogene Wände ohne rechte Winkel, sanft aus dem Boden herauswachsende Sitzflächen, Lichtquellen, die kein Kabel und keine sichtbare Energieversorgung zu benötigen schienen, sondern in einem Rhythmus zu pulsieren begannen, der sich, wie Klaus Peter vermutet, „nach der Anwesenheit der Bewohner richtete, so wie sich das Licht eines Leuchtkäfers nach seiner eigenen inneren Uhr richtet."
Die zweite Welt nennt er Morvain, die Welt Lyssandras, geprägt von den weiten, sorgsam kultivierten Wildnisgebieten, in denen die wiedererweckte Tier- und Pflanzenwelt Cybros' ihre neue Heimat fand. Hier widmet sich Klaus Peter mit besonderer Ausführlichkeit den sogenannten cybernetic pets – jenen kleineren, häuslichen Varianten der TierCyborgs, die, anders als ihre wilderen Verwandten in den offenen Landschaften Morvains, direkt mit einzelnen Familien der Cyborgs zusammenlebten. Er beschreibt ein Wesen, das er wiederholt in seinen Träumen sah und das er, mangels eines besseren Wortes, „Fellspule" nennt – ein katzengroßes, von weichem, metallisch schimmerndem Fell bedecktes Tier mit sechs Gliedmaßen, dessen hintere zwei sich bei Bedarf zu einer Art stabilisierendem Schwanz zusammenrollten, und dessen große, mehrfarbig changierende Augen, wie er festhält, „einen ansahen, als würden sie einen nicht nur sehen, sondern auch das mitlesen, was man gerade dachte." Daneben erwähnt er größere, hundeartige Begleiter mit gepanzerten Rückenplatten, die den Kindern der Cyborgs offenbar als Spielgefährten und zugleich als Wächter dienten, sowie kleine, vogelähnliche Konstrukte, die zwischen den Rundhäusern von Ilyra hin- und herflogen und, wie Klaus Peter vermutet, eine Art Nachrichtenfunktion für die gesamte Siedlung erfüllten.
Die dritte Welt schließlich, jene, unter deren Oberfläche sich die Dystopie erstreckte, in die K'arax einst hinabstieg, nennt er Kess – ein kurzer, harter Name, den er, wie er selbst anmerkt, „nicht gewählt, sondern nur gehört" habe, ohne dass ihm ein Grund für seine Kürze und Härte einfiel, außer dem Gefühl, dass ein Name, der zu einem solchen Ort gehöre, keine Silbe zu viel tragen dürfe.
III. Was er über die Schleimschnecken, die Propheten und die Jünger noch wusste
In den letzten Einträgen fasst Klaus Peter, fast wie in einer Art Rechenschaftsbericht an sich selbst, noch einmal zusammen, was er über die Jahre über die pilzartigen Schleimschnecken, die fünf Propheten und ihre Jünger in Erfahrung gebracht hatte – nicht als neue Erkenntnis, sondern als eine Art Ordnung, die er offenbar kurz vor seinem Verschwinden noch einmal für sich selbst herzustellen versuchte, so wie man vor einer langen Reise noch einmal die wichtigsten Dokumente durchgeht.
Er hält fest, dass die Schleimschnecken, gleich, welcher der vier Überlieferungen – Thalgars denkendem Wald, Aelaras kaltem Reisenden, Rynax' gleichgültigem Sturm oder Sylaras uralter Einsamkeit – man den größten Glauben schenke, in seinen eigenen Träumen stets dasselbe Gefühl auslösten: nicht Ekel, wie man bei derart deformierten Kreaturen vielleicht erwarten würde, sondern etwas, das er nur als „Verwandtschaft" beschreiben kann – „als hätten sie mir schon vor Jahren gezeigt, was es bedeutet, aus Schmerz etwas Überlebensfähiges zu machen, lange bevor ich wusste, dass ich selbst aus einer Familie stamme, die genau das versuchte, jede auf ihre eigene Weise: mein Großvater durch seinen Glauben, mein Vater durch seine Technik, ich selbst durch das Aufschreiben."
Über die fünf Propheten notiert er nur wenig Neues, doch eine Passage sticht heraus, weil sie eine Verbindung zieht, die in keiner der früheren Aufzeichnungen so ausformuliert war: dass er, K'arax' Fünfzehn Gebote noch einmal durchgehend, zu dem Schluss kam, sein eigener Vater habe, ohne es je gewusst zu haben, vor allem das siebte und das elfte Gebot befolgt – „Sei mutig" und „Sei geduldig" –, indem er über Jahrzehnte hinweg ein Geheimnis trug, das ihn hätte zerbrechen können, ohne dabei jemals so unvorsichtig zu werden, dass er andere mit hineinzog. „Vielleicht", schreibt Klaus Peter, „war mein Vater der beste K'arax-Jünger von uns allen, ohne dass er den Namen K'arax je gehört hätte."
IV. Das Netz vor 1990: Wer wusste was
Der ausführlichste und zugleich am schwersten zu verifizierende Teil des letzten Notizbuchs betrifft das, was Klaus Peter über die Jahre aus den Fragmenten seines Vaters, aus eigenen Archivrecherchen und, wie er selbst zugibt, „aus mehr Spekulation, als mir lieb ist" über die Strukturen zusammensetzte, die vor 1990 in beiden deutschen Staaten mit dem befasst waren, was sein Vater einst „die Anomalien" genannt hatte.
Das Sonderreferat 7, unter dessen Dach Reinhard Kieseling gearbeitet hatte, war, wie Klaus Peter durch den Abgleich verschiedener, nach 1990 in Teilen zugänglich gewordener Aktenbestände der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes rekonstruieren konnte, formal der Hauptverwaltung Aufklärung zugeordnet, jenem Auslandsnachrichtendienst der Staatssicherheit, der für seine Abschottung selbst innerhalb des ohnehin schon streng kompartimentierten MfS-Apparats berüchtigt war. Anders als die meisten regulären HVA-Abteilungen jedoch, so Klaus Peters Rekonstruktion, unterstand das Sonderreferat 7 keiner der bekannten, in den erhaltenen Organigrammen verzeichneten Hauptabteilungen, sondern war, wie es in einem der wenigen Aktenfragmente heißt, die er einsehen konnte, „direkt dem Leiter unterstellt" – eine Formulierung, die in der ansonsten streng hierarchischen Struktur des Ministeriums für Staatssicherheit eine Ausnahmestellung markierte, wie sie sonst nur den allersensibelsten Bereichen vorbehalten war.
Es muss an dieser Stelle ausdrücklich betont werden, dass sich aus keiner der Klaus Peter zugänglichen Quellen ableiten lässt, dass der Minister für Staatssicherheit selbst über den konkreten Inhalt dessen informiert gewesen wäre, womit sich das Sonderreferat 7 befasste. Was sich hingegen mit einiger Vorsicht sagen lässt, ist, dass die eigentliche operative Führung des Referats bei einem Offizier lag, den die wenigen erhaltenen Unterlagen nur unter dem Decknamen „Reiher" führen – ein Mann, dessen echte Identität bis heute nicht zweifelsfrei geklärt ist, obwohl mindestens zwei unabhängige, nach 1990 im Zusammenhang mit anderen HVA-Ermittlungen vernommene ehemalige Mitarbeiter unabhängig voneinander einen hochrangigen Offizier mit dieser Tätigkeit in Verbindung brachten, ohne dass dies je gerichtsfest bestätigt worden wäre.
Auf westdeutscher Seite, so legen es die von Klaus Peter zusammengetragenen Fragmente nahe, existierte kein direktes Gegenstück zum Sonderreferat 7, sondern eher ein loser, informeller Kreis, der über einen Zeitraum von mindestens fünfzehn Jahren, vermutlich beginnend Mitte der 1970er Jahre, in unregelmäßigem, nie schriftlich fixiertem Austausch mit seinem östlichen Gegenüber stand – jener Zusammenschluss, den Reinhard Kieseling in seinen eigenen Notizen nur als „das Komitee" bezeichnet hatte, und dessen internationale Dimension, wie im vorangegangenen Kapitel dieser Chronik bereits dargelegt, über die beiden deutschen Staaten weit hinausreichte.
V. Der Bunker
Die konkreteste, zugleich am wenigsten gesicherte Behauptung in Klaus Peters letztem Notizbuch betrifft einen Ort, den er in seinen Aufzeichnungen nur als „Objekt Wachtelburg" bezeichnet – benannt, wie er vermutet, nach einer alten Waldparzelle gleichen Namens in der Dübener Heide, in deren Nähe sich, seinen Recherchen zufolge, in den 1960er Jahren eine jener zahlreichen unterirdischen Anlagen befand, die das Ministerium für Staatssicherheit in dieser waldreichen, dünn besiedelten Region errichten ließ – offiziell, wie es in den wenigen zugänglichen Planungsunterlagen der Bezirksverwaltung Halle heißt, als „Ausweichführungsstelle" im Falle eines militärischen Konflikts, eine Zweckbestimmung, die für zahlreiche vergleichbare Bunkeranlagen der DDR-Führung in dieser Zeit dokumentiert und historisch unstrittig ist.
Was Klaus Peter in seinen letzten Notizen vermutet – und was sich, das muss an dieser Stelle mit aller gebotenen Vorsicht festgehalten werden, aus keiner ihm zugänglichen Quelle zweifelsfrei belegen lässt, sondern sich aus der Zusammenschau mehrerer, für sich genommen unauffälliger Indizien speist –, ist, dass ein isolierter, gesondert gesicherter Teilbereich dieser Anlage, zugänglich nur über einen eigenen, von der übrigen Bunkeranlage getrennten Zugang, dem Sonderreferat 7 als Lager- und Analyseort diente. Er stützt diese Vermutung unter anderem auf eine Passage in den Notizen seines Vaters, in der von „der Wachtelburg" als einem Ort die Rede ist, den Reinhard „nur zweimal betreten" habe, „beide Male mit verbundenen Augen für die letzten hundert Meter", sowie auf eine handschriftliche Skizze, die Klaus Peter unter den Unterlagen seines Vaters fand – eine grobe, offenbar aus dem Gedächtnis angefertigte Zeichnung eines Waldwegs, der auf keiner ihm bekannten Karte in dieser Form verzeichnet ist, mit einem X an jener Stelle, die auffällig genau jenem Wegabzweig entspricht, an dem später, im Herbst 2011, Klaus Peters eigenes Fahrrad gefunden werden sollte.
Wer außer dem Offizier mit dem Decknamen „Reiher" und einer kleinen Handvoll namentlich nicht bekannter Mitarbeiter Zugang zu diesem Teilbereich hatte, lässt sich aus den erhaltenen Quellen nicht mehr rekonstruieren. Klaus Peter vermutet in seinen Notizen, dass die Zahl der Eingeweihten auf westdeutscher wie auf DDR-Seite zusammengenommen „nicht mehr als eine Handvoll Menschen" umfasst haben könne – eine Einschätzung, die sich mit dem grundsätzlichen Prinzip strenger Kompartimentierung deckt, das für vergleichbare Sonderprojekte der Geheimdienste dieser Zeit charakteristisch war. Ob die Anlage, sollte sie in der von Klaus Peter vermuteten Form tatsächlich existiert haben, nach 1990 durch die Behörden der Bundesrepublik vollständig erfasst, geräumt und dokumentiert wurde, wie es für die meisten bekannten MfS-Bunkeranlagen der Fall war, oder ob ein Teil ihres Inhalts – Akten, Materialproben, vielleicht mehr – bereits vor der offiziellen Auflösung des Ministeriums im Winter 1989/90 anderswohin verbracht wurde, ist eine Frage, die Klaus Peters letzte Notizen aufwerfen, ohne sie beantworten zu können. Er selbst, so viel legt der Zeitpunkt seines Verschwindens nahe, brach offenbar genau zu dem Ort auf, den seine eigene Rekonstruktion als wahrscheinlichsten Standort dieser Anlage identifiziert hatte.
VI. Sigmund Jähn und die sieben Tage
Ein letzter, kürzerer Abschnitt des Notizbuchs verdient besondere Sorgfalt, weil er einen real belegten historischen Vorgang berührt, den Klaus Peter selbst, wie seine eigene, an dieser Stelle auffallend zurückhaltende Formulierung zeigt, nicht leichtfertig behandelt wissen wollte.
Am 26. August 1978 startete Sigmund Jähn an Bord von Sojus 31 im Rahmen des sowjetischen Interkosmos-Programms als erster Deutscher ins All und verbrachte, gemeinsam mit seinem sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski, sieben Tage und zwanzig Stunden im Erdorbit, größtenteils an Bord der Raumstation Saljut 6 – ein Vorgang, der in der DDR als nationaler Stolz gefeiert wurde und der, das sei hier ohne jede Einschränkung festgehalten, historisch lückenlos dokumentiert, international bestätigt und in seiner offiziellen Programmatik durch keinerlei belastbare Quelle in Zweifel gezogen ist. Sigmund Jähn selbst hat sich zeitlebens, auch nach der Wiedervereinigung, in zahlreichen Interviews und Veröffentlichungen ausführlich zu seiner Mission geäußert, ohne dass sich darin auch nur der geringste Hinweis auf irgendetwas außerhalb des bekannten wissenschaftlichen und politischen Programms der Mission fände. Diese Chronik behauptet an keiner Stelle etwas anderes, und es sei ausdrücklich festgehalten, dass Sigmund Jähn selbst mit dem im Folgenden Vermuteten nachweislich nichts zu tun hatte.
Was Klaus Peter in seinen Notizen dennoch festhält, ist keine Behauptung über Jähn selbst, sondern eine deutlich vorsichtiger formulierte Beobachtung: dass just in jenem Zeitraum, in dem die öffentliche Aufmerksamkeit der gesamten DDR-Führung und eines Großteils der internationalen Presse auf die Mission gerichtet war, nach den fragmentarischen Datumsangaben in Reinhards Notizen just jene beiden Besuche stattfanden, bei denen er, wie oben erwähnt, mit verbundenen Augen zur „Wachtelburg" gebracht wurde. „Ich will nicht behaupten", schreibt Klaus Peter ausdrücklich, „dass der Flug irgendetwas mit dem zu tun hatte, was mein Vater dort unten sah oder tat. Dafür gibt es nicht den geringsten Beleg, und es wäre unredlich, einem Mann, der sein ganzes Leben lang mit offenem Visier für seine Mission stand, im Nachhinein etwas anzudichten, das er selbst nie zu verantworten hatte. Was ich festhalte, ist nur, dass jemand in jenem August 1978 die Gelegenheit erkannt haben könnte, die eine solche Woche bot – ein Zeitraum, in dem jedes Auge des Landes, jede verfügbare Kapazität der Sicherheitsorgane, jede Schlagzeile der Presse in eine einzige Richtung blickte, nach oben, während unten, im Wald, in aller Stille, etwas anderes geschah, das niemand beachtete, weil niemand in diesen Tagen Grund hatte, irgendwohin sonst zu blicken."
Es ist, wie diese Chronik an dieser Stelle ausdrücklich festhalten muss, eine Vermutung, keine Tatsache – die Vermutung eines Mannes, der in den letzten Tagen vor seinem eigenen Verschwinden erkennbar auf der Suche nach einem letzten, großen Muster war, das alles zusammenhielt, was seine Familie über drei Generationen erlebt hatte. Ob dieses Muster tatsächlich existierte, oder ob es, wie so vieles in dieser Chronik, erst im Rückblick eines Mannes entstand, der wusste, dass er sich einer Antwort näherte, die er vielleicht nicht mehr lange würde mit sich tragen können, lässt sich nicht mehr klären.
VII. Wer heute noch lebt, wer die Akten hat
Von den Personen, die in diesem letzten Kapitel der Chronik eine Rolle spielen, lebt nach heutigem Kenntnisstand nur eine kleine Zahl noch. Der Offizier mit dem Decknamen „Reiher" wäre, sollte er noch leben, heute weit über neunzig Jahre alt; keine der beiden Quellen, die ihn identifizierten, konnte oder wollte bestätigen, ob er die letzten Jahrzehnte überlebt hat. Von den westdeutschen Mitgliedern des informellen „Komitees" ist öffentlich niemand bekannt; sollte es sie gegeben haben, so haben sie, anders als viele ehemalige Nachrichtendienstmitarbeiter vergleichbarer Sonderprojekte, nie in Erinnerungen, Interviews oder den zahlreichen nach der Jahrtausendwende erschienenen Aufarbeitungsbänden zur Geschichte der Dienste Erwähnung gefunden – ein Schweigen, das sich, je nach Lesart, entweder als völlige Bedeutungslosigkeit der ganzen Angelegenheit deuten lässt oder, ganz im Gegenteil, als Beleg für eine Geheimhaltung, die bis heute funktioniert.
Die Akten des Sonderreferats 7, soweit sie nicht, wie ein Großteil der HVA-Bestände, im Winter 1989/90 in den chaotischen letzten Tagen der Staatssicherheit gezielt vernichtet wurden, müssten sich, folgt man dem regulären Verfahren für ehemalige MfS-Unterlagen, heute im Bestand der Behörde für die Stasi-Unterlagen befinden, die seit 2021 dem Bundesarchiv angegliedert ist. Ob unter den bis heute nicht vollständig erschlossenen, teils in Zehntausenden Säcken zerrissener Papierschnipsel überlieferten Restbeständen – jenem bekannten, bis heute nur in Teilen digital rekonstruierten Papierpuzzle, an dem Fachleute seit den 1990er Jahren arbeiten – auch Fragmente des Sonderreferats 7 verborgen liegen, lässt sich nach gegenwärtigem Stand nicht sagen. Es wäre, wie eine der wenigen mit dem Fall befassten Archivarinnen es später halb im Scherz, halb ernst formulierte, „wie die Suche nach einer bestimmten Schneeflocke in einer Lawine, die man erst noch zusammensetzen muss."
Was die „Wachtelburg" betrifft, so führt das zuständige Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in seinem öffentlich zugänglichen Kataster ehemaliger militärischer Anlagen tatsächlich einen stillgelegten Bunkerkomplex in dieser Region der Dübener Heide, klassifiziert als „ehemalige Ausweichführungsstelle, Zustand: verfüllt und gesichert" – eine amtliche Formulierung, die, wie jede amtliche Formulierung in dieser Chronik, mehr verbirgt, als sie preisgibt, und die keine Auskunft darüber gibt, was genau „gesichert" wurde, bevor man den Zugang verfüllte.
Schlussbetrachtung — Ein Kreis, der sich nicht schließt
Diese Chronik begann mit einem Traum, den ein Mann nicht mehr loswurde, und sie endet mit einem Fahrrad, das ordentlich an einen Baum gelehnt war, an einem Weg, der auf keiner Karte verzeichnet ist. Dazwischen liegen drei Generationen einer Familie, ein zerstörter Planet, ein Sternhaufen von vierunddreißig Millionen Jahren, fünf Propheten mit widersprüchlichen Lehren, vier ebenso widersprüchliche Geschichten über eine einzige Art von Kreatur, ein Dorf, das heute ein See ist, und ein Geflecht aus Geheimdiensten zweier deutscher Staaten, das sich, wie fast alles in dieser Geschichte, weder beweisen noch endgültig widerlegen lässt.
Was bleibt, wenn man alle acht Teile dieser Chronik nebeneinanderlegt, ist kein Fall, der sich schließen lässt, sondern ein Familienerbe, das sich, wie Klaus Peter es selbst in einer seiner letzten Zeilen andeutete, vielleicht nicht in Worten weitergeben ließ, sondern nur in Träumen, in Zeichnungen, in dem stillen, nie ganz erklärten Drang dreier Männer, sich mit etwas zu befassen, das größer war als sie selbst, und das sie am Ende, jeder auf seine eigene Weise, verschluckte, ohne eine Spur zu hinterlassen, die man hätte gerichtsfest nennen können.
Das Fahrrad steht, laut letztem amtlichen Vermerk, noch immer im Asservatenraum der zuständigen Polizeidienststelle, als Beweisstück eines Falls, der nie geschlossen wurde. Der Wald um die Wachtelburg wächst, wie es Wälder tun, unbeeindruckt weiter über dem, was unter ihm liegt oder einst lag. Und irgendwo, zwischen einem verfüllten Bunkerzugang in der Dübener Heide und den Ruinen einer Dystopie in einem fernen Sternhaufen, wartet, wie es diese Chronik von ihrem ersten bis zu ihrem letzten Satz wiederholt hat, vielleicht wirklich noch etwas darauf, dass es wieder feucht wird.
Die Chronik von M67 — Anhänge
Fragmente, Ausschnitte, Protokolle
Eine Vorbemerkung: Die folgenden Materialien wurden nicht von einem einzigen Chronisten zusammengetragen, sondern fanden sich, verstreut über verschiedene Nachlässe und Aktenkonvolute, erst nach dem Verschwinden Klaus Peter Kieselings zusammen mit seinem letzten Notizbuch. Ihre Herkunft ist uneinheitlich, ihr Wahrheitsgehalt nicht überprüfbar, ihre Reihenfolge, wo keine Datierung vorlag, willkürlich. Sie werden hier dokumentiert, wie sie vorgefunden wurden – als das buchstäbliche Kleingedruckte am Rand einer Geschichte, die im Großen ohnehin nie ganz zu fassen war. Reale Ereignisse, Orte und Weltraummissionen, auf die im Folgenden Bezug genommen wird, sind, soweit sie überprüfbar sind, korrekt wiedergegeben; die daran anknüpfenden Begegnungen, Figuren und Vorfälle sind erfundene Zusätze und erheben keinen Anspruch auf historische Richtigkeit.
Anhang A — Aus der Sammlung „Y."
Unter den Papieren, die zusammen mit Klaus Peters Notizbuch gefunden wurden, lag ein einzelner, ungewöhnlich dicker Aktenordner ohne erkennbaren Absender, dessen erste Seite lediglich den Buchstaben „Y." trug, gefolgt von einer handschriftlichen Notiz Klaus Peters: „Sammlung eines Unbekannten – möglicherweise einer der Ihren, der sich selbst beobachtet." Der Ordner enthielt ausgeschnittene, teils übersetzte, teils im Original belassene Zeitungsmeldungen aus fünf Jahrzehnten und ebenso vielen Ländern, jede mit einem kleinen, in blauer Tinte gesetzten Häkchen versehen, als hätte jemand systematisch nach etwas gesucht, das sich nur in der Summe vieler kleiner, für sich genommen belangloser Meldungen erkennen ließ.
„Unerklärlicher Stromausfall legt Radarstation lahm" — Provinzblatt, Nordnorwegen, 1968. Für elf Minuten fiel die gesamte Radarüberwachung einer NATO-Außenstation ohne erkennbare technische Ursache aus. Der zuständige Offizier berichtete später inoffiziell, er habe in dieser Zeit „ein Summen gehört, das nicht von den Geräten kam".
„Bauer findet kreisrunde Fläche im Roggenfeld" — Landzeitung, Niedersachsen, 1971. Ein exakter, wie mit dem Zirkel gezogener Kreis von neun Metern Durchmesser, in dem der Roggen nicht niedergedrückt, sondern „wie gekämmt" zur Seite lag. Die Redaktion vermutete einen Studentenstreich, konnte jedoch keine Täter ermitteln.
„Fischer berichtet von leuchtendem Objekt unter Wasser" — Küstenblatt, Ostsee, 1974. Ein Fischer meldete der Küstenwache ein „grünlich leuchtendes, ovales Objekt", das sich mit hoher Geschwindigkeit unter seinem Kutter hindurchbewegt habe, ohne eine Bugwelle zu erzeugen. Die Meldung wurde als „vermutlich Phosphoreszenz einer Algenblüte" archiviert.
„Zwei Kinder wollen ‚großen dünnen Mann' im Kornfeld gesehen haben" — Regionalblatt, Landkreis Wittenberg, 1975. Eine kurze, unscheinbare Meldung ganz unten auf Seite drei, die – ein handschriftlicher Vermerk Klaus Peters am Rand hält dies eigens fest – exakt in der Woche vor dem Vorfall in der Kirche von Poselkow erschien, ohne dass die beiden Ereignisse je miteinander in Verbindung gebracht wurden.
„Rätselhafte Funkstille während NATO-Manöver" — Fachpublikation für Militärtechnik, 1979. Über neunzehn Minuten waren mehrere Funkfrequenzen gleichzeitig gestört, „aus Gründen, die auch im Nachhinein nicht zufriedenstellend geklärt werden konnten", wie es im offiziellen Abschlussbericht heißt.
„Firma meldet Patent für ‚selbstheilende Legierung' an – Herkunft der Grundsubstanz bleibt Betriebsgeheimnis" — Wirtschaftsteil, westdeutsche Tageszeitung, 1981. Ein kleines, unauffälliges metallverarbeitendes Unternehmen meldete ein Patent an, dessen zugrundeliegendes Material in der Anmeldung nur als „Legierung Typ W" bezeichnet wurde. Das Unternehmen existiert nach heutigem Kenntnisstand nicht mehr; die Patentakte gilt als „unauffindbar".
„Hirte vermisst zwei Schafe, findet stattdessen verbrannten Kreis im Gras" — Alpenländisches Wochenblatt, 1983. Eine Meldung, die in ihrer schlichten Beiläufigkeit an die spätere Poselkower Kuh-Meldung von 1976 erinnert, ohne dass zwischen beiden ein belegbarer Zusammenhang bestünde.
„Pilot meldet ‚Formationslicht' über dem Atlantik – keine Erklärung durch Luftverkehrskontrolle" — Luftfahrt-Fachjournal, 1987. Ein Linienpilot meldete drei in exakter Dreiecksformation fliegende Lichter, die sich binnen Sekunden „lautlos und ohne erkennbaren Beschleunigungsvorgang" entfernten.
„Dorfbewohner berichten von ‚singendem Licht' über dem Wald" — Kleinstadtzeitung, Sachsen-Anhalt, 1991. Eine der letzten Meldungen in der Sammlung, unmittelbar nach der Wiedervereinigung erschienen, in einer Region, die, wie ein Randvermerk Klaus Peters festhält, „keine fünfzig Kilometer von der Wachtelburg entfernt liegt".
Wer diese Sammlung anlegte und über Jahrzehnte hinweg fortführte, lässt sich aus den vorliegenden Unterlagen nicht ermitteln. Klaus Peters eigene, unbewiesene Vermutung, festgehalten in einer einzigen Randnotiz, lautet: „Vielleicht sammelt jemand von drüben genau das, was wir übersehen – nicht um es zu verstecken, sondern weil es ihm auffällt, so wie uns auffällt, wenn zu Hause etwas fehlt."
Anhang B — Gesprächsfragmente
Die folgenden Passagen stammen aus einem Bündel loser, maschinengeschriebener Blätter ohne Kopf- oder Fußzeile, die sich unter Reinhard Kieselings Nachlass befanden. Ob es sich um tatsächliche Gesprächsprotokolle, um nachträgliche Gedächtnisrekonstruktionen oder um reine Fiktion handelt, die Reinhard zur eigenen Verarbeitung anfertigte, lässt sich nicht mehr klären. Die Sprecher sind nur mit Kürzeln bezeichnet.
R.: Sie sagen, das Material verändert seine Struktur, wenn es Temperaturen unter minus zwanzig Grad ausgesetzt wird. Aber es verändert sie zurück, sobald es sich erwärmt. Das ist keine Legierung. Das ist Verhalten.
Unbekannt (Kürzel „G."): Sie fragen nach dem Unterschied zwischen einem Material und einem Wesen. Bei uns gibt es diesen Unterschied nicht so scharf, wie Sie ihn ziehen möchten.
R.: Dann sagen Sie mir wenigstens, ob es Schmerzen empfindet, wenn wir es zerschneiden.
G.: Das ist die erste Frage, die mir einer von Ihnen stellt, seit ich hier bin. Die anderen wollten nur wissen, wie stark es ist.
R.: Warum kommen Sie überhaupt zu uns? Wenn Sie können, was Sie können, warum diese – Umständlichkeit?
G.: Sie stellen sich vor, wir kämen, um etwas zu holen oder zu bringen. Vielleicht kommen wir nur, weil man dorthin zurückkehrt, wo man einmal etwas verloren hat, auch wenn man nicht mehr genau weiß, was.
R.: Mein Vater war Pfarrer. Er hat einen von Ihnen gesehen, 1975, in seiner eigenen Kirche.
G.: Ich kenne den Namen Kieseling. Wir kennen ihn länger, als Sie vermuten.
R.: Was soll das heißen?
[Die restliche Seite ist unleserlich; ein Wasserfleck hat die untere Hälfte des Blattes zerstört.]
Anhang C — Pannen der Vertuschung
Nicht jede Verschleierung gelingt reibungslos, und gerade die misslungenen, halb aufgeflogenen Fälle hinterlassen naturgemäß die deutlichsten Spuren in den Akten. Die folgenden drei Vorfälle sind aus fragmentarischen Notizen Reinhards sowie aus Randbemerkungen in Klaus Peters letztem Notizbuch zusammengestellt.
Der Vorfall von Bad Schmiedeberg, 1982. Ein Streifenwagen der Volkspolizei hielt in einer klaren Sommernacht ein Fahrzeug ohne Kennzeichen an, das mit ungewöhnlich hoher Geschwindigkeit eine Landstraße befuhr. Der Fahrer, so der Bericht des Beamten, habe „nicht wie ein Mensch reagiert, sondern wie jemand, der zum ersten Mal ein Gespräch führt" – höflich, aber mit einer Verzögerung zwischen Frage und Antwort, die dem Beamten „unheimlich" vorkam. Noch bevor der Beamte Verstärkung anfordern konnte, traf ein ziviles Fahrzeug mit zwei Männern ein, die sich als „Sonderkommission" auswiesen, den angehaltenen Fahrer mitnahmen und dem Beamten nahelegten, den Vorfall „aus Gründen der nationalen Sicherheit" nicht zu protokollieren. Der Beamte protokollierte ihn dennoch, in verklausulierter Form, in seinem privaten Dienstkalender – jenem Dokument, aus dem diese Notiz überhaupt erst stammt.
Der Vorfall von Gräfenhainichen, 1984. Wenige Wochen vor der endgültigen Devastierung Poselkows, so eine einzelne, nicht weiter verifizierbare Randbemerkung in Klaus Peters Notizen, soll es in einem der bereits halb geräumten Umsiedlungsquartiere zu einer „Verwechslung" gekommen sein: Ein für den Abtransport vorgesehener Container, der laut Frachtpapieren „landwirtschaftliches Gerät" enthielt, wurde versehentlich nicht, wie vorgesehen, zur zentralen Sammelstelle, sondern zu einem normalen Recyclinghof verbracht, wo ein Mitarbeiter beim Öffnen etwas sah, das er später, wie es in der Notiz unpräzise heißt, „nicht beschreiben wollte, egal wie oft man ihn fragte". Der Mitarbeiter wurde, den fragmentarischen Angaben zufolge, innerhalb einer Woche in eine andere Dienststelle versetzt.
Der Vorfall über der Ostsee, 1988. Ein westdeutsches Frachtschiff meldete der Küstenwache ein „Objekt, das kurz aus dem Wasser auftauchte und wieder verschwand, ohne jede Wellenbewegung zu hinterlassen". Da sich der Vorfall in internationalen Gewässern ereignete, an denen sowohl NATO- als auch Warschauer-Pakt-Einheiten operierten, kam es, wie ein später deklassifiziertes, nur in Auszügen zugängliches NATO-Dokument andeutet, zu einem „informellen Informationsaustausch" zwischen beiden Seiten – eine für die Zeit des Kalten Krieges bemerkenswerte Kooperation, die in keinem offiziellen Bericht sonst Erwähnung findet und die nahelegt, dass zumindest in diesem einen Punkt beide Blöcke ein gemeinsames Interesse an Geheimhaltung hatten, das größer war als ihre gegenseitige Rivalität.
Anhang D — Log-Fragmente von Bord der „Mir" (1986–2001)
Die sowjetische, später russische Raumstation Mir wurde am 20. Februar 1986 in eine Erdumlaufbahn gebracht und über fünfzehn Jahre hinweg kontinuierlich erweitert und von wechselnden internationalen Besatzungen bewohnt, bevor sie am 23. März 2001 in einem gezielt herbeigeführten, kontrollierten Wiedereintritt über dem Südpazifik zum Absturz gebracht wurde – Eckdaten, die historisch zweifelsfrei belegt sind. Was im Folgenden aus einem lose in Klaus Peters Notizbuch eingelegten, offenbar aus mehreren Quellen zusammengestellten Konvolut wiedergegeben wird, sind keine offiziellen Missionsprotokolle, sondern private, nicht namentlich zuordenbare Tagebuchnotizen, die ein einzelner, in den vorliegenden Fragmenten nur als „Bordingenieur T." bezeichneter Angehöriger einer nicht näher benannten Besatzung verfasst haben soll.
„14. Nachtumlauf. Im Kristall-Modul, kurz nach der geplanten Ruhephase, ein Klopfen von außen, dreimal, in gleichmäßigem Abstand. Wir sind seit 340 Kilometern Höhe die einzigen Menschen im Umkreis von tausend Kilometern. Ich habe es nicht gemeldet."
„22. Nachtumlauf. Heute zum ersten Mal offen darüber gesprochen, mit W. Er hat es auch gehört, schon vor zwei Jahren, auf einem früheren Flug. Wir sind uns einig, es dem Missionsbericht nicht hinzuzufügen. Nicht aus Angst vor Lächerlichkeit. Aus Angst, dass man es glauben und uns nicht mehr fliegen lassen könnte."
„Ohne Datum, vermutlich später eingefügt. Ich glaube nicht mehr, dass es ein Defekt an der Außenhülle war. Ich glaube, es hat sich vorgestellt. Auf seine Weise."
Ob diese Notizen authentisch sind, eine spätere literarische Verarbeitung darstellen oder – was angesichts der übrigen, ähnlich gelagerten Fragmente dieser Chronik nicht auszuschließen ist – bewusst von Reinhard oder Klaus Peter selbst verfasst wurden, um eine Vermutung in eine greifbarere Form zu bringen, lässt sich nicht mehr klären. Festzuhalten bleibt, dass keine der zahlreichen, öffentlich dokumentierten Besatzungen der Mir – sowjetische, russische wie im Rahmen des späteren Shuttle-Mir-Programms auch US-amerikanische Astronauten – in ihren offiziellen, wissenschaftlich ausgewerteten Berichten je etwas Vergleichbares vermerkte.
Anhang E — Saljut 6 und die Frage der „fremden Beteiligung"
Saljut 6, am 29. September 1977 gestartet und bis 1982 im Einsatz, war die erste Raumstation mit zwei Kopplungsstellen – eine technische Neuerung, die es erstmals erlaubte, während eines laufenden Langzeitaufenthalts unbemannte Versorgungsraumschiffe vom Typ Progress andocken zu lassen und Besatzungen im laufenden Betrieb auszutauschen, ohne die Station zwischenzeitlich verlassen zu müssen. Dies ist historisch belegt und gilt als einer der bedeutendsten technischen Fortschritte der frühen sowjetischen Raumstationsprogramme.
Im Konvolut, das zusammen mit den übrigen Fragmenten dieser Anhänge vorgefunden wurde, findet sich eine einzelne, mit Schreibmaschine getippte Seite ohne Verfasserangabe, die unter der Überschrift „Zur Frage der zweiten Kopplungsstelle" eine These aufstellt, die hier ausdrücklich als das wiedergegeben wird, was sie ist: eine unbelegte, im Ton bewusst spekulative Randnotiz, keine gesicherte Behauptung über die tatsächliche sowjetische Raumfahrtgeschichte. Der unbekannte Verfasser vermutet, das für die zweite Kopplungsstelle entscheidende konstruktive Detail – eine Dichtungstechnik, die unter den damaligen metallurgischen Möglichkeiten als „ungewöhnlich weit fortgeschritten" gegolten habe – gehe auf Beratung durch „nicht-menschliche Expertise" zurück, vermittelt über genau jene informellen Ost-West-Kanäle, die diese Chronik bereits im Zusammenhang mit dem Sonderreferat 7 und dem „Komitee" beschrieben hat.
Es ist an dieser Stelle noch dringlicher als bei den vorangegangenen Kapiteln festzuhalten, dass diese These durch keinerlei überprüfbare Quelle gestützt wird. Das sowjetische Raumfahrtprogramm der 1970er Jahre ist, was seine technische Entwicklung betrifft, in der Fachliteratur gut dokumentiert, und die Entwicklung der zweiten Kopplungsstelle lässt sich ohne Weiteres aus der ingenieurtechnischen Logik des Progress-Versorgungskonzepts erklären, ohne dass es einer außerirdischen Erklärung bedürfte. Die anonyme Notiz selbst scheint sich dieser Schwäche ihrer eigenen These bewusst zu sein; sie endet mit dem Satz: „Vielleicht ist das die bequemste aller Erklärungen – zu glauben, dass wir für unsere größten technischen Sprünge Hilfe brauchten, weil es uns schwerer fällt zu glauben, dass wir manches allein geschafft haben."
Ende der Anhänge. Weitere, bislang nicht gesichtete Fragmente aus dem Nachlass der Familie Kieseling befinden sich, wie ein letzter, ungeordneter Vermerk andeutet, „vermutlich noch immer in Kartons, die niemand zu öffnen wagt."
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Der Anhang zum nachlesen: